Die Velostation I-0 2 Min.
Lea und Jonas
Arlen hat achtzigtausend Einwohner, einen Fluss, der im Sommer zu niedrig und im Winter zu schnell ist, und einen Bahnhof, über dessen Renovation seit Jahren geredet wird. Wer in Arlen aufwächst, kennt die Abkürzungen durch die Altstadt, weiss, wo man nach der Schule noch gut isst — und begegnet früher oder später der Frage, die hier wie überall irgendwann auftaucht: Was fange ich eigentlich mit meinem Leben an?
Lea Mertens, fünfzehn Jahre alt, beschäftigt diese Frage schon länger als die meisten ihrer Mitschülerinnen. Nicht weil sie keine Ideen hätte. Sondern weil die Ratschläge der Erwachsenen sie nicht überzeugen. «Sei realistisch.» «Mach etwas Vernünftiges.» «Das war schon immer so.» Lea findet solche Sätze nicht beruhigend. Sie findet sie verdächtig. Sie hat die Gewohnheit, weiter zu fragen, bis sie eine Antwort findet, die sie überzeugt. Manchmal verliert sie sich dabei in Gedanken, die grösser werden als die ursprüngliche Frage. Jonas nennt das «Lea im Grübel-Modus» und meint es halb bewundernd, halb ungeduldig.
Jonas Keller, ebenfalls fünfzehn, weiss genau, wie Dinge funktionieren. Nicht in der abstrakten Art — sondern konkret: wie ein Schaltwerk am Velo justiert wird, warum eine Kette bei Feuchtigkeit rostet, wer in Arlen für was zuständig ist und wen man fragen muss, bevor man anfängt. Dieses Wissen hat er sich selbst beigebracht. Aus Interesse, aus Beobachtung und weil er immer wieder einen Anlauf für etwas Grosses nimmt. Im letzten Jahr hat er Gebrauchtvelos repariert und weiterverkauft, eine Schulzeitung gegründet (nach zwei Ausgaben eingestellt — aus Zeitmangel, nicht aus Ideenmangel) und versucht, seine Grossmutter vom Potenzial ihrer Konfitüren auf dem Wochenmarkt zu überzeugen. Letzteres ist noch in Verhandlung.
Die beiden kennen sich seit der Primarschule. Freunde auf den ersten Blick waren sie nicht. Lea fand Jonas zu konkret. Jonas fand Lea zu abstrakt. Irgendwann haben sie gemerkt, dass das unwichtig war: Jonas sieht, was funktioniert und was nicht. Und er sieht es früh, bevor es andere bemerken. Lea fragt, warum es so ist. Und sie findet dabei oft Zusammenhänge, die Jonas allein nicht gesucht hätte. Sie brauchen einander nicht. Aber zusammen kommen sie weiter als getrennt. Wie weit, werden auch sie erst noch herausfinden.