Die Velostation I-1 8 Min.
Was willst du eigentlich?
Es war ein Dienstag im September. Lea erinnert sich daran, weil Dienstag ihr schlechtester Schultag ist — drei Stunden Mathematik, danach Sport — und weil Jonas sie auf dem Weg zur Haltestelle mit einer Idee überrumpelt hat, die alles andere aus ihrem Kopf verdrängte.
«Ich habe das perfekte Wochenende», sagte er und hielt sein Handy hoch. Ein Zeltplatz im Jura. Felsen, Wald, Feuer. 35 Franken pro Person.
«Übernächstes Wochenende. Du, ich, Mia, Raphael. Endlich wieder Zeit.»
Lea schaute in ihren Kalender. «Übernächstes Wochenende muss ich meiner Grossmutter beim Umzug helfen.»
«Und wie sieht es später aus?»
«In drei Wochen ...»
«Okay, und warum nicht dann?»
«Nein.» Lea scrollte weiter. «In drei Wochen ist das Konzert. Das du mir selbst empfohlen hast.»
Jonas nahm ihr das Handy, schaute drauf, gab es zurück. «Stimmt.»
Der Bus kam. Sie stiegen ein. Eine Minute Stille.
Dann fragte Lea: «Was willst du eigentlich mehr — zelten oder das Konzert?»
«Beides», sagte Jonas.
Zu viele Ziele, zu wenig Zeit
Jonas schwieg eine Weile. Draussen zog die Altstadt vorbei.
«Also: was willst du mehr?», fragte Lea nochmal.
Er dachte nach. «Zelten», sagte er schliesslich. «Schon länger nichts mehr draussen gemacht. Das Konzert... das kommt nochmal.»
«Gut.», sagte Lea.
Was Jonas gerade gemacht hatte, ohne es zu wissen, ist etwas, das Menschen dauernd tun müssen: zwischen Alternativen — und damit letztendlich zwischen ihren unterschiedlichen Zielen — abwägen.
Ein Ziel ist ein Zustand, den wir anstreben. Zelten mit Freunden ist ein Ziel. Ein Konzert erleben ist ein Ziel. In eine neue Wohnung ziehen ist ein Ziel. Meistens haben wir nicht eines — wir haben viele, gleichzeitig. Das wäre kein Problem, wenn wir unbegrenzt Zeit, Geld und Energie hätten.
Haben wir aber nicht.
Dieses Grundproblem, dass wir zu wenig Mittel für all unsere Ziele haben, nennen Ökonomen Knappheit. Ein Mittel ist knapp, wenn es nicht ausreicht, die gewünschten Ziele gleichzeitig zu erfüllen. Das klingt technisch. Es ist aber nur eine Formulierung von etwas, das jeder kennt. Zeit ist knapp. Geld ist knapp. Aufmerksamkeit ist knapp. Gute Ideen sind knapp. Sogar Energie am Ende eines langen Tages ist knapp.
Der unsichtbare Preis
Jonas entschied sich für das Zeltwochenende. Was kostete ihn das?
Wir antworten normalerweise: 35 Franken. Und das ist nicht falsch. Aber für Ökonomen ist es nicht die wichtigste Antwort: Die 35 würde Jonas sparen, wenn er zuhause bleiben würde. Aber offenbar ist das für ihn nicht die beste Alternative, sondern das Konzert. Zwischen dem und dem Zeltengehen wägt er ja ab. Er vergleicht also, ob bewusst oder unterbewusst, den gesamten Wert, den die beiden Alternativen für ihn haben. Wenn er sich fürs Zelten entscheidet, verzichtet er auf den Gesamtwert des Konzertes.
Genau diesen Verzicht - den Wert der besten Alternative - nennen Ökonomen Opportunitätskosten. Ein sperriges Wort für eine einfache Sache: Was hätte ich mit meiner Zeit, meinem Geld, meiner Energie stattdessen tun können?
Diese Kosten stehen auf keiner Rechnung. Niemand schickt dir am Ende des Monats eine Aufstellung aller Dinge, die du hättest tun können. Aber sie sind real. Wer sie vergisst, trifft oftmals schlechtere Entscheidungen, weil er nicht gründlich über alle sinnvollen Alternativen nachgedacht hat. Sondern nur an das unmittelbar Sichtbare denkt.
Jonas dachte an das Zeltwochenende. Er freute sich. Das Konzert liess er los — bewusst, nicht resigniert.
Warum zwei Menschen in derselben Situation anders entscheiden
Drei Wochen später trafen die vier sich auf dem Zeltplatz. Der erste Abend war perfekt — Feuer, Sterne, lange Gespräche. Der zweite Tag brachte Regen.
Mia, die von Anfang an lieber zum Konzert gegangen wäre, klappte um neun Uhr morgens ihren Schlafsack auf und sagte: «Ich fahre heim.»
Raphael sagte: «Ich bleibe. Regen ist doch egal.»
Lea schaute die beiden an. Dann schaute sie Jonas an. «Wer hat recht?»
«Beide», sagte Jonas sofort. «Mia friert leicht, du weisst das. Raphael schläft im Winter mit offenem Fenster. Die ziehen einfach andere Schlüsse aus demselben Regen.»
Lea nickte. «Stimmt.»
Mia und Raphael haben nicht denselben Fehler gemacht. Sie haben unterschiedliche Schlüsse aus denselben Fakten gezogen — weil ihnen Unterschiedliches wichtig ist. Was Regen für Mia bedeutet (Kälte, Unbehagen, vergeudete Zeit), bedeutet für Raphael etwas anderes (kein Problem, Abenteuer, egal).
Das sind unterschiedliche — weil subjektive — Bewertungen.
Wenn Ökonomen von Wert sprechen, meinen sie den Wert, den ein konkreter Mensch in einer konkreten Situation einem konkreten Ding oder einer Handlung beimisst. Nicht den «objektiven» Wert. Nicht den «gesellschaftlichen» Wert. Sondern: Was bedeutet es dir, jetzt, hier, unter diesen Umständen?
Wert ist subjektiv. Das klingt zunächst unbefriedigend — «dann ist ja alles relativ!». Aber es ist nicht im ethischen Sinn gemeint - «Was ist gut, was schlecht?». Sondern ganz konkret, «Welchen Wert messe ich einem Ding oder Erlebnis zu? In diesem Moment, in dem ich mich entscheide?» Die ethische Frage ist grösser. Sie kommt später.
Was Entscheidungen verraten
Am Nachmittag hörte der Regen auf. Mia hatte längst den Heimbus genommen. Lea sass auf einem Felsen und schrieb in ihr Notizheft.
«Was schreibst du?», fragte Jonas.
«Ich versuche, mir zu überlegen, was ich eigentlich will — generell. Nicht nur heute.»
Jonas setzte sich neben sie. «Und?»
«Ich weiss es erst halb», sagte Lea. «Aber ich merke, dass ich es besser weiss, wenn ich auf das schaue, was ich tue — nicht auf das, was ich zu wollen glaube.»
«Stimmt», sagte Jonas. «Als ich damals die Velos verkauft habe — ich dachte, es geht mir ums Geld. Aber eigentlich hat es mir vor allem gefallen, ein kaputtes Ding wieder zum Laufen zu bringen. Das merke ich erst jetzt.»
Unsere Handlungen zeigen oft mehr über unsere Werte als unsere Worte. Wer sagt, «Gute Schulnoten sind mir wichtig», aber seine Schulbücher nur dann öffnet, wenn eine Prüfung droht — der handelt nach anderen Prioritäten, als er glaubt zu haben.
Man kann sagen: Es gibt erklärte Präferenzen (was wir zu wollen behaupten) und wirksame Präferenzen (was unser Verhalten tatsächlich zeigt). Die Lücke dazwischen ist oft aufschlussreich. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Es ist eine Beobachtung. Und eine Einladung, genauer hinzusehen.
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Am Abend sassen die drei um ein neues Feuer. Die Sterne kamen wieder. Raphael spielte auf seiner kleinen Gitarre irgendwas, das er sich selbst beigebracht hatte.
«Ich glaube», sagte Jonas nach einer Weile, «ich habe noch nie so genau darüber nachgedacht, warum ich eigentlich Dinge tue.»
«Das ist normal», sagte Lea. «Viele tun das nie.»
«Aber warum sollten sie das tun?»
Lea schaute ins Feuer. «Hm... Ich glaube, wenn ich nicht weiss, was ich wirklich will, dann fangen andere an, für mich zu entscheiden — oder der Zufall. Und die wissen nicht unbedingt, was gut für mich ist.»
Im nächsten Kapitel Lea hat eine Lücke entdeckt — und Jonas kennt zufällig genau den richtigen Ort. Gemeinsam entwickeln sie eine Idee. Aber dafür brauchen sie etwas, das sie noch nicht haben: das Recht, einen Ort zu nutzen, der ihnen nicht gehört. Und Jonas stellt fest, dass es drauf ankommt, mit dem Richtigen zu sprechen.