Die Velostation I-2 9 Min.
Wem gehört was?
Drei Wochen vor dem Zeltwochenende hatte Jonas einen Plan gehabt. Und er hatte, fand er, alles richtig gemacht.
Er hatte Herrn Bühler gefragt, den Klassenlehrer, ob er im Korridor zwischen Sporthalle und Mensa einen Tisch aufstellen dürfe für eine Tauschbörse. «Klar, gerne», hatte Herr Bühler gesagt. Jonas hatte den Tisch hingestellt, ein Schild gemacht, ein paar ausrangierte Lehrmittel und DVDs hingelegt: «Nimm was, gib was.»
Es lief gut. Zwanzig, dreissig Schülerinnen und Schüler kamen täglich vorbei.
Am dritten Tag stand der Hauswart da.
«Das Schild nimmst du jetzt weg», sagte er. «Und den Tisch auch.»
«Ich habe eine Erlaubnis», sagte Jonas. «Von Herrn Bühler.»
Der Hauswart schaute ihn an. «Herr Bühler ist Lehrer. Er ist nicht zuständig für Korridore. Das entscheidet der Rektor. Und der hat nein gesagt.»
Jonas räumte auf. Auf dem Heimweg ging ihm durch den Kopf, was schiefgelaufen war. Gefragt hatte er. Eine Antwort hatte er bekommen. Aber bei der falschen Person.
«Komisch», sagte Lea, als er ihr davon erzählte. «Der Korridor war ja leer. Niemand braucht ihn.»
«Eben. Ich dachte, leer heisst, ich darf den nehmen.»
«Aber leer ist nicht das Gleiche wie herrenlos.»
Jonas blieb kurz still. «Stimmt. Und Bühler dachte vielleicht, er dürfe das selbst entscheiden. Dabei darf er es gar nicht.»
«Das ist eigentlich eine Eigentumsfrage», sagte Lea. «Wer darf hier was entscheiden? Wobei - die Schule ist doch nicht das Eigentum des Rektors...»
«Stimmt», sagte Jonas, «unsere Schule gehört unserer Gemeinde. Und die hat unseren Rektor ausgewählt, damit der hier Entscheidungen trifft. In diesem Fall hat er die Tauschbörse von der Nutzung des Korridors ausgeschlossen.»
Was Eigentum wirklich bedeutet
Eigentum klingt nach einer einfachen Sache: Etwas gehört mir oder nicht. Bei genauerem Hinsehen ist es vielschichtiger.
Wer eine Sache besitzt, hat normalerweise mehrere Befugnisse zugleich: Er darf die Sache nutzen. Er darf andere davon ausschliessen. Er darf sie verändern, verkaufen oder verschenken. Und er muss für Schäden geradestehen, die durch oder mit der Sache entstehen.
Das nennt man manchmal das Eigentumsbündel. Die einzelnen Rechte gehören normalerweise zusammen, lassen sich aber auch trennen. Eine Mieterin darf eine Wohnung nutzen, aber nicht verkaufen. Eine Bibliothek besitzt ein Buch, eine Leserin darf es eine Zeit lang ausleihen. Ein Lehrer darf ein Schulzimmer benutzen aber nicht über den Korridor entscheiden.
«Das mit dem Ausschliessen klingt hart», sagte Jonas am Abend. «Als ob Eigentum nur dazu da wäre, andere fernzuhalten.»
«Stell dir das Gegenteil vor», sagte Lea. «Niemand könnte andere ausschliessen. Jeder darf alles benutzen, was er gerade braucht.»
Jonas überlegte. «Dann nimmt jemand mein Velo, wenn ich nicht drauf sitze.»
«Genau. Und wenn er es kaputt zurückbringt?»
«Hat keiner Schuld, weil keiner Verantwortung hatte. Und ich würde mir nie wieder ein anständiges Velo kaufen.»
Warum gibt es Eigentum überhaupt?
Knappe Dinge, an denen viele Menschen Interesse haben, führen ohne klare Regeln zu Streit. Wer kommt zuerst? Wer ist stärker? Wer ist mit wem verwandt? Diese Antworten sind unsicher und sorgen für ständige Reibung.
Eigentumsregeln verschieben das Problem. Sie klären vorher, wer entscheiden darf, bevor der Konflikt überhaupt entsteht. Wer das Velo besitzt, bestimmt, wer damit fährt. Wer die Wiese besitzt, bestimmt, wer darauf zelten darf. Wer den Korridor besitzt, bestimmt, ob dort ein Tauschtisch steht.
Das ist nicht selbstverständlich. In manchen Kulturen und zu manchen Zeiten gab es kaum Eigentum im heutigen Sinn. Aber überall, wo Menschen mit knappen Dingen zusammenleben und kooperieren wollen, hat sich irgendeine Form von Eigentumsregeln entwickelt. Weil es ohne sie schlechter funktioniert.
Der schottische Philosoph David Hume hat es im 18. Jahrhundert ähnlich formuliert: Eigentumsregeln entstehen, weil Menschen ohne sie nicht in Frieden miteinander leben und kooperieren können.
Die gemeinsame Idee
«Weisst du», sagte Lea eines Nachmittags, «was mir in Arlen fehlt?»
«Vieles», sagte Jonas.
«Ernsthaft. Ich habe nachgerechnet.» Sie zeigte ihm ihr Notizheft. Zwei Velowerkstätten im Umkreis von zwei Kilometern. Beide teuer, beide mit langen Wartezeiten. «Wenn du einen Platten hast, fährst du entweder zu Fuss nach Hause oder du flickst es selbst, falls du kannst. Zwischen professioneller Werkstatt und Selbermachen gibt es nichts.»
«Eine Marktlücke», sagte Jonas sofort.
«Genau.»
«Ich kenne einen Ort.» Er erzählte ihr vom Innenhof hinter dem Parkhaus an der Gerberstrasse. Zwanzig mal zehn Meter, gepflastert und teilweise überdacht. Meist leer.
Schon am nächsten Tag kam er darauf zurück: «Ich habe gestern abgeklärt, wem er gehört. Liegenschaftsverwaltung Gerberstrasse AG. Ich war beim Grundbuchamt.»
Lea sah ihn an. «Du warst beim Grundbuchamt.»
«Nach dem Erlebnis mit dem Korridor frage ich zuerst die richtige Person. Eine Stunde im Amt, viel Ärger gespart.»
Das Angebot und Frau Steiner
Sie schrieben gemeinsam einen Brief. Jonas kannte die Zuständigkeiten und die konkreten Details. Lea durchdachte die Argumentation. Was hat die Verwaltung davon? Ein belebter, gepflegter Hof, kein Vandalismus, monatliche Rückmeldung. Kein Bittgesuch, sondern ein Angebot.
Die erste Antwort war Nein. Jonas rief an. Frau Steiner, zuständig für die Liegenschaften, empfing sie beide im Innenhof. Sie fragte eine Viertelstunde lang: Haftung, Lärm, Betrieb. Jonas antwortete präzise. Lea stellte am Ende eine Frage, die Jonas nicht geplant hatte: «Was müssten wir nach drei Monaten vorweisen, damit Sie zufrieden wären?»
«Keine Beschwerden. Monatliche Kurzberichte.» Sie nannte einen Preis: sechzig Franken im Monat, solange die Probezeit laufe. «Bewährt sich das, reden wir über einen richtigen Vertrag.»
«Deal», sagte Jonas. Dann fragte er noch, ob er unter der Überdachung eine Werkzeugkiste aufstellen dürfe. Mit Vorhängeschloss. Er hafte für alles darin.
Draussen wollte Lea wissen, warum ihm das Schloss so wichtig gewesen sei.
Jonas überlegte. «Wenn alles offen ist, weiss niemand, wer wofür verantwortlich ist. Mit Schloss ist klar, was zu uns gehört. Wenn drin etwas schiefgeht, ist das unser Problem. Was draussen im Hof passiert, ist es nicht. Sonst wären wir am Ende für alles haftbar.»
«Klare Grenze, klare Verantwortung», sagte Lea.
«Stimmt.»
Frau Steiner konnte mit ihnen verhandeln, weil sie zuständig war. Wäre der Hof niemandem klar zugeordnet gewesen, hätten Jonas und Lea nicht gewusst, mit wem sie reden sollen, und Frau Steiner hätte nichts zu vergeben gehabt. Klare Eigentumsverhältnisse sind keine Hürde für Kooperation. Sie machen sie oft erst möglich.
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Das erste Wochenende verbrachten sie damit, aufzuräumen und den Boden zu kehren. Jonas brachte das Werkzeug, sortiert, beschriftet, in einer Kiste mit Vorhängeschloss. Lea kam mit einem selbst entworfenen Schild: «Velostation Gerberstrasse — Reparaturen, Flickzeug, Luft.» Darunter eine Handynummer.
Jonas betrachtete das Schild. «Du hast meine Nummer draufgeschrieben.»
«Du bist schneller am Telefon als ich.»
Das stimmte. Jonas hängte das Schild auf.
«Hast du Preise überlegt?», fragte Lea.
«Ja», sagte Jonas. «Aber ich bin nicht sicher, ob sie stimmen.»
«Dann lass uns das durchgehen.»
Im nächsten Kapitel Die Velostation läuft. Ein Kunde stellt Jonas vor eine Frage, die er nicht erwartet hatte. Es geht nicht um Reparaturen. Es geht darum, was er einem Menschen schuldet, der ihm vertraut, ohne genau zu wissen, was üblich ist.