Die Velostation I-3 8 Min.
Was schulde ich wem?
Die Velostation lief seit zwei Wochen. Sie hatten ein System aufgebaut: ein Auftragszettel für jeden Kunden, eine Preisliste an der Wand unter dem Dach, kurze Notizen zu jedem Gespräch. Jonas reparierte und sprach mit den Kunden. Das lag ihm, er kannte die Handgriffe und fand schnell einen Ton mit fast jedem. Lea behielt die Zahlen im Blick und dachte über die nächsten Schritte nach.
Dann kam Herr Widmer.
Herr Widmer war vielleicht sechzig, trug ein Leinenhemd und lehnte sein Velo gegen die Wand des Unterstands, dessen Preis Jonas auf mindestens dreitausend Franken schätzte: Carbon-Rahmen, Bosch-Motor, hydraulische Scheibenbremsen. Und ein Platten hinten.
«Was kostet das?», fragte Herr Widmer.
«Zehn Franken», sagte Jonas.
«Zehn?» Herr Widmer sah ihn an. «Wirklich?»
«Wirklich.»
Herr Widmer bezahlte, wartete, bis Jonas fertig war, bedankte sich und fuhr davon.
Lea hatte zugehört. «Du hättest mehr nehmen können», sagte sie, als Widmer ausser Sichtweite war.
«Ich weiss.»
«Warum hast du's nicht?»
Jonas überlegte länger als nötig. «Weil ... er darauf vertraut hat, dass ich ihm den üblichen Preis nenne.»
Lea schwieg einen Moment. «Darüber müssen wir nachdenken.»
Wann ist ein Preis unfair?
Sie setzten sich auf die Werkzeugkiste und überlegten laut.
«Stell dir vor», sagte Lea, «wir hätten dreissig Franken verlangt. Hätte er das akzeptiert?»
«Wahrscheinlich ja.»
«Wäre das fair gewesen?»
Jonas überlegte. «Nein. Weil er nicht wusste, dass unser normaler Preis zehn Franken ist. Er konnte das gar nicht vergleichen.»
Lea nickte. «Bereit zu zahlen war er also. Aber er konnte den Preis nicht vollständig beurteilen.»
Freiwillig tauschen heisst nicht nur, dass jemand Ja sagt. Es heisst auch, dass er weiss, wozu er Ja sagt. Wer einen Wissensvorsprung gegenüber dem anderen ausnutzt, begeht meist kein Unrecht. Aber er nutzt eine Asymmetrie aus, die dem anderen nicht bewusst ist. Ökonomen sprechen hier von Informationsasymmetrie.
Als praktischer Test hilft es, sich folgende Frage zu stellen: Würde Widmer dem höheren Preis von dreissig Franken zustimmen, wenn er wüsste, was wir anderen Kunden berechnen? Wenn nein, dann ist etwas nicht in Ordnung.
Preisdifferenzierung — wann ist sie legitim?
«Moment», sagte Jonas. «Wir haben aber letzte Woche verschiedene Preise für verschiedene Sachen genommen: Platten, Bremsen, Schaltung. Und wir haben auch experimentiert, mal 7 Franken, mal 10. Ist das auch unfair?»
«Ich glaube nicht», sagte Lea. «Das galt ja für alle.»
Verschiedene Preise für verschiedene Leistungen sind nichts Unfaires. Wer mehr bekommt, bezahlt mehr. Das ist kein Informationsdefizit sondern schlicht ein anderes Angebot. Auch verschiedene Preise über die Zeit für dieselbe Leistung sind legitim, solange jeder Kunde beim Kauf weiss, was er bezahlt.
Das Problem entsteht erst, wenn zwei Kunden für genau dieselbe Leistung unterschiedlich viel zahlen und einer von beiden nicht weiss, was der andere bezahlt hat.
«Ich habe noch eine Idee», sagte Jonas. «Wir könnten Widmer beim nächsten Mal anbieten, sein Velo nach der Reparatur zu reinigen. Für 25 Franken extra, mit Kettenöl.»
«Genau», sagte Lea. «Das wäre ein eigenständiger Service für diejenigen, denen das wichtig ist. Wer einfach nur den Platten flicken lassen will, braucht das nicht zu nehmen.»
«Und wenn wir für E-Bikes grundsätzlich mehr verlangen, wegen der aufwändigeren Komponenten?»
«Warum nicht. Aber dann muss das auf die Preisliste.» Sie zeigte an die Wand. «Als eine andere Leistung.»
Was das mit Charakter zu tun hat
Lea hatte noch eine zweite Geschichte. Zwei Tage nach dem Widmer-Gespräch hatte ihr Lehrer die Biologieprüfung zurückgegeben: Er hatte einen Fehler übersehen. Drei Punkte, die ihr nicht zustanden.
«Was hast du gemacht?», fragte Jonas.
«Ich hab's gemeldet.»
«Warum das? Du hättest das auf sich beruhen lassen können.»
«Ich weiss. Aber dann weiss ich nicht, was ich wirklich kann. Und...» Sie hielt inne. «Es kam mir vor wie bei Widmer. Ich hätte etwas gewusst, was die andere Seite nicht wusste.»
Jonas dachte nach. «Dieselbe Frage in einem anderen Zusammenhang.»
«Mhm.»
Was hier am Wirken war, lässt sich allgemeiner formulieren. Wer einen Wissensvorsprung nicht ausnutzt, wenn es ihn nichts kostet, hat noch keine besondere Eigenschaft bewiesen. Wer es auch dann nicht tut, wenn es ihn etwas kostet, dagegen schon.
Wer werde ich durch das, was ich tue?
Aristoteles, der griechische Philosoph, hatte dazu eine Einsicht, die sich hartnäckig hält: Tugenden entstehen nicht durch Beschluss, sondern durch Wiederholung. Wer immer dann fair handelt, wenn es ihn etwas kostet, wird zu einer fairen Person. Wer fair handelt, wenn es kostenlos ist, und unfair, wenn es teuer wird, hat noch keinen Charakter entwickelt.
Das gilt für Jonas und Lea nicht nur bei der Velostation. Wie sie mit einem Kunden umgehen, mit einem Lehrer, mit einem Freund. Jede Entscheidung formt ein Muster. Und aus dem Muster entsteht, langsam und unwiderruflich, wer sie werden.
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Herr Widmer kam die folgende Woche wieder. Diesmal mit einem Freund, der ebenfalls einen Platten hatte.
Jonas reparierte beide. Dann zeigte er Herrn Widmer ein neues Angebot auf der Preisliste: «Velowäsche nach Reparatur, 25 Franken extra. Mit Kettenöl.»
«Das nehme ich», sagte Herr Widmer ohne zu zögern.
Leas und Jonas' Blicke begegneten sich.
Im nächsten Kapitel Lea und Jonas brauchen Preise. Jonas hat Erfahrung und konkrete Zahlen. Lea hat Fragen, die sie sich noch nicht gestellt hat: Was ist ein Preis eigentlich? Wer setzt ihn fest? Und woher weiss man, ob er stimmt?