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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Die Velostation I-6 10 Min.

Warum lohnt es sich zu warten?

Jonas hatte das Problem schon seit drei Wochen ignoriert. Nun konnte er es nicht mehr.

Der alte Kettenschlüssel rutschte wieder. Nicht immer, aber genug, um das Reparieren bei E-Bike-Schaltungen zu einem Geduldspiel zu machen. Bei normalen Velos kam er damit durch. Aber E-Bikes hatten engere Toleranzen, schwerere Komponenten, und einige Kunden — darunter Herr Widmer — merkten es, wenn die Einstellung nicht ganz stimmte.

Jonas hatte sich die Liste aufgeschrieben. Ein Präzisions-Ratschensatz: 180 Franken. Ein E-Bike-Diagnosewerkzeug: 140 Franken. Ein Lichtreparatur-Kit mit Multimeter: 120 Franken. Total: 440 Franken.

«Haben wir das?», fragte Nora, die über seine Schulter schaute.

«Nein», sagte Jonas. «Wir haben 180 Franken Rücklage. Die brauchen wir für Frau Steiners nächste Monatsmiete und Noras Lohn.»

«Also warten?»

«Oder», sagte Lea, die den Zettel in die Hand nahm, «wir leihen uns das Geld.»

«Von wem?», fragten Jonas und Nora gleichzeitig.

Die Grossmutter

Jonas dachte eine Weile nach. Dann fiel ihm etwas ein.

Seine Grossmutter Irma... die Konfitüren, der Wochenmarkt, die langen Verhandlungen. Was er nicht erwähnt hatte: Die Verhandlungen hatten Anfang Oktober ein Ende gefunden. Grossmutter Irma verkaufte ihre Konfitüren nun jeden Samstagvormittag am Markt und hatte, nach eigenen Worten, «erstaunlich viel Freude daran». Sie hatte dabei auch etwas Geld zur Seite gelegt.

«Ich könnte sie fragen», sagte Jonas.

«Wenn wir das machen», sagte Lea, «dann ordentlich. Schriftlich, mit Rückzahlungsplan, mit Zins.»

«Sie ist meine Grossmutter.»

«Eben deswegen», sagte Lea. «Wenn etwas schiefgeht und nichts Schriftliches existiert, ist der Schaden doppelt: finanziell und familiär.»

Jonas dachte nach. «Und warum ein Zins?»

«Komm», sagte Lea und holte ihr Notizheft. «Lass uns das durchgehen.»

Warum Geld heute mehr wert ist als Geld morgen

«Stell dir vor, du hast 100 Franken. Jemand fragt dich: Willst du die 100 Franken heute, oder in einem Jahr?»

«Heute», sagte Jonas sofort.

«Natürlich. Aber warum? In einem Jahr hast du trotzdem 100 Franken.»

Jonas überlegte. «Weil ich sie jetzt benutzen kann. In einem Jahr vielleicht nicht mehr.»

«Genau. Und ausserdem könnte ich die 100 Franken in diesem Jahr investieren, so dass sie mehr werden. Wer sie verleiht, verzichtet auf diese Möglichkeit.»

Das ist Zeitpräferenz. Menschen bevorzugen, unter sonst gleichen Umständen, Güter in der Gegenwart gegenüber Gütern in der Zukunft. Das hat einen vernünftigen Grund: Die Zukunft ist ungewisser als die Gegenwart, und gegenwärtige Ressourcen eröffnen mehr Möglichkeiten.

Daraus folgt etwas Wichtiges. Wer sein Geld verleiht, verzichtet auf die Nutzung seiner eigenen Ressourcen. Er gibt andere Möglichkeiten auf. Dafür muss er etwas erhalten. Das ist der Zins: der Preis des Wartens.

Der Vertrag mit Grossmutter Irma

Sie besuchten Grossmutter Irma an einem Dienstagabend. Sie wohnte zwanzig Minuten von der Gerberstrasse entfernt, in einer Wohnung mit zu vielen Büchern und zu wenig Regalen. Auf dem Tisch standen drei Gläser Konfitüre für ihre Besucher.

Jonas erklärte die Situation. Lea legte den Zettel auf den Tisch: 440 Franken, Rückzahlung in vier Monaten, Zins 2 Prozent auf den Gesamtbetrag, also knapp 9 Franken.

Grossmutter Irma las den Zettel. «Zins», sagte sie. «Habt ihr das aus einem Lehrbuch?»

«Nein», sagte Lea. «Es ist fair. Wir benutzen Ihr Geld, also sollen Sie etwas dafür bekommen.»

Die alte Frau schaute Lea an. Dann lachte sie kurz, überrascht. «Meinetwegen. Den Zins stecke ich in die Konfitürenkasse.»

Sie unterschrieb. Lea hatte eine Kopie mitgebracht. Jonas wurde leicht rot.

Auf dem Weg nach Hause sagte er: «Hättest du sie nicht einfach fragen können ohne Vertrag?»

«Hätte ich», sagte Lea. «Aber dann wäre es ein Gefallen gewesen. Jetzt ist es eine Vereinbarung.»

Jonas schwieg. Es erinnerte ihn an Widmer und den zu tiefen Preis. Die gleiche Idee: lieber alles auf den Tisch, von Anfang an.

Was Kapital wirklich ist

Die Werkzeuge kamen vier Tage später. Jonas sortierte sie sofort ein, testete den Ratschensatz an Herrn Widmers Velo, das dieser zur Wartung gebracht hatte, und merkte den Unterschied sofort. Was vorher zwanzig Minuten gedauert hatte, schaffte er nun in dreizehn.

«Das ist jetzt unser Kapital», sagte Lea.

«Werkzeuge?»

«Werkzeuge, ja. Aber auch das Netzwerk, das wir aufgebaut haben. Und das, was du in der Hand hast.»

Jonas dachte kurz nach. «Also alles, was wir uns angeschafft und nicht sofort verbraucht haben.»

«Genau», sagte Lea.

Das ist der Kern des Konzepts. Kapital entsteht, wenn jemand auf gegenwärtigen Konsum verzichtet und das Gesparte in etwas investiert, das zukünftige Produktion ermöglicht. Grossmutter Irmas Ersparnisse waren Kapital: Sie hatte sie nicht ausgegeben, sondern aufbewahrt. Jetzt arbeiteten sie in der Velostation und halfen Jonas, schneller zu reparieren.

Nicht alles, was Geld kostet, ist Kapital. Konsum ist der Kauf von etwas, das man sofort geniesst und das danach verbraucht ist. Investition ist der Einsatz von Ressourcen, der zukünftige Möglichkeiten schafft. Jonas' neue Werkzeuge produzieren über Monate und Jahre. Das ist eine Investition. Das Mittagessen, das sie sich nach dem Kauf gegönnt hatten, war Konsum.

Humankapital: das Kapital, das man nicht stehlen kann

Nora hatte eine Frage, die sie schon länger beschäftigte.

«Jonas' Werkzeuge sind das Kapital. Mein Erspartes ist Kapital. Aber was ist mit dem, was ich lerne? Wenn ich nach drei Monaten bei der Velostation besser Termine koordinieren kann als vorher — ist das auch Kapital?»

«Ja», sagte Lea. «Es ist Kapital, das du in dir trägst.»

Man nennt das Humankapital. Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung, Verlässlichkeit — alles, was in einem Menschen angesammelt ist und ihm ermöglicht, mehr zu produzieren.

«Der Unterschied», sagte Jonas, «ist, dass man dir das nicht wegnehmen kann.»

Lea schaute ihn an. «Wie meinst du das?»

«Meine Werkzeuge könnte jemand stehlen. Das Geld auf dem Konto theoretisch auch. Aber was ich weiss, wie ich eine Schaltung einstelle, wie ich mit Kunden rede — das bleibt.»

Nora nickte langsam. «Das bleibt. Egal was passiert.»

Die Rechnung nach sechs Wochen

Jonas hatte damit gerechnet, dass sich das Lichtreparatur-Kit nach zehn Wochen bezahlt machen würde. Die Realität war besser.

In den ersten sechs Wochen nach dem Kauf: neun Lichtreparaturen. Durchschnittlich 22 Franken pro Auftrag. Total: 198 Franken. Dazu acht E-Bike-Wartungen mit dem neuen Ratschensatz, schneller, präziser, keine Reklamationen mehr. Frau Steiners Bericht für Monat 3 war der bisher beste.

«440 Franken investiert», sagte Lea. «198 Franken aus neuen Aufträgen, plus Zeitersparnis bei E-Bikes — wahrscheinlich noch einmal 80 Franken Äquivalent. Zwei Drittel des investierten Betrags nach sechs Wochen — in gut zwei Monaten ist alles wieder drin.»

«Und Grossmutter Irma bekommt ihre 449 Franken zurück.»

«Inklusive knapp 9 Franken Zins», sagte Lea. «Für die Konfitürenkasse.»

Jonas lächelte. «Ich glaube, ich schulde ihr mehr als das.»

«Das stimmt», sagte Lea. «Aber das kann man nicht auf einem Zettel festhalten.»

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Grossmutter Irma besuchte die Velostation an einem Samstag Mitte Dezember. Sie kam mit dem Tram, trug einen Wollmantel und betrachtete den Hof mit dem Ausdruck von jemandem, der genau weiss, was er sieht.

Jonas zeigte ihr den Ratschensatz. Sie hielt ihn in der Hand, prüfte das Gewicht, gab ihn zurück. «Solide», sagte sie.

Nora brachte ihr einen Stuhl. Lea erklärte die Abrechnung — kurz, auf einem Zettel. Grossmutter Irma las, nickte.

«Ihr habt das gut gemacht», sagte sie schliesslich. Nicht zu Jonas allein, zu allen dreien.

Auf dem Weg zur Tramstation presste sie Jonas drei Gläser Konfitüre in die Hand. «Für die Bürokasse», sagte sie. Und dann, leise, fast beiläufig: «Du hattest recht, damals. Mit dem Wochenmarkt.»

Im nächsten Kapitel Die Velostation hat Werkzeuge, Nora, ein wachsendes Netzwerk. Was sie noch nicht hat, ist Sichtbarkeit. An einem Freitagvormittag wird jemand mit einer ungewöhnlichen Idee an der Tür stehen — und etwas anbieten, das nicht in Franken bezahlt werden soll.