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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Die Velostation I-5 10 Min.

Wer macht was?

Im dritten Monat wurde es zu viel.

Herrn Widmers Netzwerk hatte gewirkt. An einem Samstag Anfang Dezember standen vier Kunden gleichzeitig im Hof. Jonas reparierte, sprach, erklärte. Und merkte, dass er dabei langsamer war als sonst. Lea sass am kleinen Tisch mit dem Auftragszettel und hatte alle Hände voll zu tun, um die Reihenfolge zu managen, Jonas hinterherzuräumen und zu kassieren.

Am Abend rechneten sie nach. Vierundzwanzig Aufträge in einer Woche. Acht davon hatten länger gewartet als zehn Minuten. Zwei waren gegangen, bevor Jonas sie bedienen konnte.

«Wir verlieren Kunden», sagte Lea. Sie zeigte auf ihre Notizen. «Acht Wartende. Zwei gegangen.»

«Ich weiss», sagte Jonas. Er rieb sich die Hände ab. «Ich kann aber nicht noch schneller reparieren.»

«Nein», sagte Lea. «Das kann niemand gut.»

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Jonas: «Wir brauchen jemanden.»

Nora

Jonas kannte Nora Engel seit der Mittelstufe. Nicht gut, aber gut genug, um zu wissen, dass sie zuverlässig war. Sie war ihm dreimal aufgefallen: einmal, weil sie ein Schulkonzert für achtzig Leute allein organisiert hatte. Einmal, weil sie beim Schulfest in zwanzig Minuten mehr Getränke verkauft hatte als der offizielle Stand in einer Stunde. Und einmal, weil sie Herrn Bühler in einem Klassengespräch so lange freundlich, aber unbeirrbar widersprochen hatte, bis er schliesslich nachgegeben hatte.

Sie war fünfzehn, kannte halb Arlen beim Vornamen und hatte die Fähigkeit, mit jedem ins Gespräch zu kommen.

Jonas schickte ihr eine Nachricht. Sie antwortete nach vier Minuten: «Klingt interessant. Wann?»

Was machst du, und was bekommst du dafür?

Sie trafen sich am Montagnachmittag im Hof. Jonas erklärte, was sie bisher machten. Lea legte die Zahlen auf den Tisch: Aufträge, Wartezeiten, Umsatz, das Kapazitätsproblem.

Nora hörte zu. Dann: «Was soll ich genau tun?»

«Kunden empfangen», sagte Jonas. «Aufträge aufnehmen. Erklären, wie lange es dauert. Kassieren, wenn ich fertig bin. Warteliste führen.»

Nora nickte. «Kann ich. Was kriege ich dafür?»

«Zwölf Franken pro Stunde», sagte Lea. «Bezahlt wirst du nach Zeit, egal wie viele Aufträge reinkommen.»

«Warum nicht einen Anteil vom Umsatz?», fragte Nora.

«Weil du dann das Risiko trägst. Wenn ein Samstag schlecht läuft, Regen, niemand kommt, hättest du nichts verdient. Das Risiko liegt bei uns. Der Lohn ist bei dir sicher.»

Nora dachte nach. «Und wenn es gut läuft? Dann verdiene ich trotzdem nur zwölf.»

«Genau», sagte Jonas. «Sicherheit auf der einen Seite. Risiko und Gewinnchance auf der anderen.»

«Okay», sagte Nora. «Aber wenn das hier wächst, wollen wir das nochmal besprechen.»

«Deal», sagte Lea.

Die erste Woche

Was in der ersten gemeinsamen Woche passierte, hatte keiner vollständig vorhergesehen.

Jonas reparierte. Er redete kaum noch mit Kunden, das übernahm Nora. Und er reparierte schneller. Viel schneller. Vor allem, weil er nicht mehr alle paar Minuten unterbrochen wurde. Platten, die vorher siebzehn Minuten dauerten, schaffte er in vierzehn. Bei Bremsen sparte er fast fünf Minuten.

Nora ihrerseits entwickelte ein System. Sie notierte nicht nur Name und Auftrag, sondern auch, wann die Kunden kamen, wie lange sie warten konnten, ob sie ein E-Bike hatten. Sie erkannte, wer ungeduldig war und besser gleich auf einen anderen Tag vertröstet wurde, und wer gerne kurz plauderte, während er wartete. Zwei Kunden, die Jonas am Vortag abgewimmelt hatte, kamen wieder. Nora hatte sie angerufen und einen neuen Termin gegeben.

Am Donnerstagabend schaute Lea auf die Zahlen. In drei Tagen hatten sie neunzehn Aufträge erledigt. In der besten normalen Woche vor dem Ansturm waren es zwölf an fünf Tagen gewesen.

«Das ist nicht normal», sagte Jonas.

«Doch, eigentlich schon. Wir haben uns einfach die Arbeit aufgeteilt.»

Warum das Ganze mehr ist als die Summe der Teile

Lea hatte im Biologieunterricht gelernt, dass ein Körper aus spezialisierten Organen besteht. Das Herz pumpt. Die Lunge atmet. Kein Organ versucht, die Aufgabe eines anderen zu übernehmen. Das Ergebnis ist ein System, das weit leistungsfähiger ist als seine Einzelteile.

Wirtschaft funktioniert nach demselben Prinzip. Wenn Menschen oder Gruppen verschiedene Aufgaben übernehmen und sich darin üben, wird die Gesamtleistung grösser. Nicht weil jeder Einzelne plötzlich fleissiger arbeitet. Sondern weil die Aufteilung selbst Energie freisetzt.

Das ist Arbeitsteilung. Eine der ältesten und wirksamsten Ideen der Wirtschaftsgeschichte.

Wer ist wozu am besten geeignet, und warum die Antwort überrascht

Lea hatte eine Frage, die sie beschäftigte. Sie sprach sie an einem Freitagabend aus, als sie die Zahlen der ersten Woche zusammenfasste.

«Ich glaube, du bist eigentlich besser mit Kunden als Nora.»

Jonas sah sie an. «Ernsthaft?»

«Ja. Du bist direkter, du weisst, was geht und was nicht, die Kunden vertrauen dir schneller. Nora ist charmanter, aber das hättest du auch gelernt.»

«Also hätten wir Nora nicht gebraucht?»

«Doch, gerade deswegen.» Lea legte den Stift hin. «Schau, wenn du beides besser könntest als Nora — Reparieren und Kundengespräche —, was solltest du dann tun?»

«Beides.»

«Du hast aber nur die Zeit von einer Person.»

Jonas überlegte. «Dann das, worin ich am besten bin. Reparieren.»

«Auch wenn du im Kundengespräch besser wärst als Nora?»

«Ja, weil ... weil ich beim Reparieren mehr rausholen kann pro Stunde, als ich im Kundengespräch verlieren würde.»

«Mhm. Du bist vielleicht zehn Prozent besser mit Kunden als sie. Aber vierzig Prozent schneller beim Reparieren. Der Vorsprung ist nicht überall gleich gross.»

Das ist das Prinzip des komparativen Vorteils. Es sagt nicht: Mach das, worin du absolut am besten bist. Es sagt: Mach das, worin dein Vorsprung gegenüber den anderen am grössten ist. Auch dann, wenn du in allem besser wärst.

Eine Ärztin, die schneller tippen kann als ihre Assistentin, sollte trotzdem nicht ihre eigene Korrespondenz schreiben. Die Zeit, in der sie tippt, fehlt bei der Untersuchung. Dort ist ihr Vorsprung viel grösser.

Was Koordination kostet

Die erste Woche war gut. Die zweite hatte ein Problem.

Nora hatte einem Kunden versprochen, sein Velo sei um drei Uhr fertig. Jonas hatte das nicht gewusst und zwei andere Aufträge vorgezogen, weil die Kunden vor Ort gewartet hatten. Um drei Uhr war das Velo nicht fertig. Der Kunde, Leas Mathematiklehrer, wie sich herausstellte, war sichtlich verärgert und liess sie das im Gespräch spüren.

«Das passiert, wenn man nicht redet», sagte Jonas nachher, etwas kurz angebunden.

«Das passiert, wenn man kein System hat», erwiderte Nora, nicht minder knapp.

Lea schrieb beides auf. «Wir brauchen eine Regel. Keine Terminversprechen ohne Rücksprache. Und Jonas schaut auf die Warteliste, bevor er mit dem nächsten Auftrag beginnt.»

Sie hatten eine halbe Stunde gebraucht, um das zu klären. Eine halbe Stunde, in der keine Reparatur gemacht worden war.

Das ist die Kehrseite der Arbeitsteilung. Je mehr Menschen zusammenarbeiten, desto mehr müssen sie abstimmen. Koordination kostet Zeit, Energie und manchmal auch Nerven. Die Arbeitsteilung lohnt sich nur, solange der Gewinn durch Spezialisierung grösser ist als die Kosten der Abstimmung.

Bei der Velostation war das klar: Der Gewinn war gross, die Koordinationskosten überschaubar. Aber Lea notierte sich den Gedanken für später.

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Gegen Ende des dritten Monats schrieben sie den Kurzbericht für Frau Steiner. Jonas hatte die Zahlen: der mit Abstand stärkste Monat bisher — und zum ersten Mal eine Lohnzeile, 48 Franken für Nora. Keine Beschwerden. Ausser dem Mathematiklehrer, aber der hatte beim zweiten Termin nichts mehr gesagt.

«Schreiben wir das rein?», fragte Jonas.

«Den Mathematiklehrer?» Lea schüttelte den Kopf. «Wir schreiben: ein Koordinationsproblem identifiziert und behoben. Das ist präzise und ehrlich.»

Frau Steiner schrieb zurück: «Wachstum bemerkt. Sehr gut.»

«Vier Wörter diesmal», sagte Jonas.

«Tendenz steigend», sagte Nora.

Lea lachte.

Im nächsten Kapitel Die Velostation wächst. Aber Jonas merkt, dass sein bester Schraubenschlüssel langsam an seine Grenzen kommt. Ein neuer würde zweihundert Franken kosten. Geld, das die Velostation nicht in der Kasse hat. Wie kommt man zu Werkzeug, das man jetzt noch nicht bezahlen kann?