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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Die Velostation I-8 9 Min.

Warum ist Geld etwas wert?

In der Woche vor Weihnachten zählte Jonas das Geld.

Achtundneunzig Franken und fünfzig Rappen. Sieben Scheine, der Rest Münzen. Er legte alles auf den Tisch und betrachtete es eine Weile.

«Was machst du?», fragte Nora.

«Ich überlege.»

«Und was überlegst Du?»

Er hob einen Zwanzigfrankenschein. «Warum ist das hier zwanzig Franken wert? Es ist ein Stück bedrucktes Papier. Die Menschen könnten morgen entscheiden, dass es nichts mehr wert ist. Oder zehnmal so viel. Warum akzeptiert Frau Steiner das für den Unterstand? Warum akzeptiert irgendjemand das für irgendetwas?»

Nora schaute ihn an. «Das ist eine seltsame Frage für einen Freitagabend.» Und Lea bekam wieder ihren nachdenklichen Blick.

Das Problem, das Geld löst

Sie hatte Jonas' Frage im Kopf, als sie am Samstagmorgen in die Velostation kam. Sie hatte eine Nacht lang darüber nachgedacht und in der Bibliothek ihrer Eltern gewildert.

«Erinnerst du dich an das doppelte Koinzidenzproblem?», fragte sie.

«Raphael und die Fotos», sagte Jonas.

«Genau. Das hat funktioniert, weil wir etwas hatten, das er wollte, und weil er etwas hatte, das wir wollten. Gleichzeitig.» Sie setzte sich. «Stell dir vor, Grossmutter Irma will eine neue Wolljacke. Sie hat Konfitüren. Der Schneider will keine Konfitüren — er will einen Haarschnitt. Der Friseur will keine Konfitüren — er will Blumen. Die Blumenhändlerin will keine Konfitüren, sie will... es geht endlos weiter. Wie löst das eine Gesellschaft, in der Tausende von Menschen Tausende von Gütern haben?»

Jonas dachte einen Moment nach. «Indem alle dasselbe akzeptieren. Etwas, das jeder nimmt, auch wenn er es selbst gerade nicht braucht. Weil er weiss, er kann es später für etwas eintauschen, das er braucht.»

«Und ich glaube, das ist das, was wir Geld nennen», sagte Lea. «Genau das.»

Was Geld kann — und was nicht

«Also ist Geld einfach das, was alle beim Tauschen akzeptieren?», fragte Nora.

«Ungefähr», sagte Lea. «Aber wenn man genauer hinschaut, macht es drei verschiedene Dinge gleichzeitig.»

Die erste Aufgabe kennen wir schon: Geld als Tauschmittel. Es löst das Koinzidenzproblem. Wer etwas verkaufen will, muss nicht mehr jemanden finden, der genau das hat, was er selbst will. Er verkauft, bekommt Geld, kauft damit, was er braucht. Bei wem immer er will.

Die zweite Aufgabe ist Geld als Recheneinheit. Das haben wir genutzt, als wir unsere Preisliste geschrieben haben: Wie viel ist eine Velowäsche wert? Schwer zu sagen in Äpfeln oder Haarstunden. Leicht zu sagen in Franken: 25. Geld macht die Dinge vergleichbar. Und so können wir auch ausrechnen, ob sich etwas lohnt.

Die dritte Aufgabe ist Geld als Wertaufbewahrungsmittel. Man kann heute verdienen und morgen ausgeben. Oder nächsten Monat. Oder in zehn Jahren. Geld speichert Kaufkraft. Aber nur unter einer Bedingung.

«Welcher Bedingung?», fragte Jonas.

«Dass sein Wert stabil bleibt.»

Was passiert, wenn zu viel Geld da ist

Lea hatte eine Geschichte von Grossmutter Irma im Kopf.

«Sie hat mir einmal erzählt, dass ihre Grossmutter in Deutschland in den 1920er Jahren mit einer Schubkarre voller Geldscheine Brot kaufen ging. Nicht Brot für eine Armee — einen Laib Brot. Für sich allein.»

«Das ist doch absurd», sagte Nora.

«Ja. Was war passiert? Deutschland hatte im Ersten Weltkrieg Geld gedruckt, um die Kriegskosten zu bezahlen. Danach noch mehr, um Reparationen zu bezahlen. Immer mehr Geld, für dieselbe Menge an Gütern. Was passiert dann?»

Jonas dachte nach. «Die Preise steigen. Wenn jeder plötzlich doppelt so viel Geld hat, aber nicht doppelt so viele Velos existieren, dann verdoppelt sich der Velopreis.»

«Genau. Das nennt man Inflation: nicht die Güter werden mehr wert sondern das Geld wird weniger wert.»

Inflation bedeutet: Dieselbe Menge Geld kauft weniger als zuvor. Wer Ersparnisse hat, verliert Kaufkraft, ohne dass ihm jemand etwas wegnimmt. Das Geld selbst schrumpft. Deshalb ist Geld als Wertaufbewahrungsmittel nur so gut, wie es vor Entwertung geschützt ist.

«Und der Schweizer Franken?», fragte Nora.

«Schweizer Franken gelten als stabile Währung», sagte Lea. «Die Schweizerische Nationalbank hat den Auftrag, Preisstabilität zu wahren. Ob das immer gelingt, und warum, ist eine andere Frage.»

Was zählt: Kaufkraft, nicht Zahl

Jonas hatte das durchgerechnet, bevor Lea fertig gesprochen hatte.

«Also: wenn ich heute hundert Franken habe und in fünf Jahren die Preise um fünfundzwanzig Prozent gestiegen sind, dann kann ich mit meinen hundert Franken nur noch so viel kaufen wie heute mit achtzig Franken?»

«Ja.»

«Und wenn ich die hundert Franken, so wie Grossmutter Irma, als Kredit gegeben hätte, mit zwei Prozent Zins für fünf Jahre, dann hätte ich etwas über hundertundzehn Franken?»

«Ungefähr. Ja.»

«Also: nach Inflation hätte ich immer noch einen Verlust.»

«Deshalb», sagte Lea, «lassen viele Menschen ihr Geld nicht einfach liegen. Sie investieren — schon allein, um die Inflation auszugleichen.»

Damit schliesst sich der Bogen zu Kapitel 6. Investitionen in Kapital — Werkzeuge, Fähigkeiten, Wissen — sind auch Schutz. Wer sein Humankapital aufbaut, dessen Kaufkraft sinkt meist nicht mit den Preisen. Sein Können bleibt, was es ist.

«Wir haben viel erlebt, in diesen drei Monaten», sagte Jonas zum Abschluss.

«Ja», sagte Lea, «aber ich habe das Gefühl, wir haben erst die Oberfläche berührt.»

Nora schaute über ihre Schulter. «Dann freue ich mich auf die nächsten Monate.»

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Frau Steiners Nachricht kam an einem Dienstag.

Fünf Worte: «Probezeit bestanden. Bitte gerne verlängern.»

Jonas las es zweimal. Dann gab er es Lea, die es an Nora weiterreichte.

«Und für wie lange?», fragte Nora.

Jonas schrieb eine kurze Antwort: «Danke, Frau Steiner. Für wie lange wollen Sie verlängern?»

Frau Steiner antwortete nach dreissig Minuten: «Erstmal ein Jahr.»

Jonas legte das Handy auf den Tisch. Dann lachte er.

Die Freude hielt, bis Lea den angehängten Vertragsentwurf öffnete. Der Probetarif von sechzig Franken war ausgelaufen; regulär kostete der Innenhof hundertachtzig Franken im Monat — das Dreifache. «Dann müssen wir eben so gut werden, dass es sich trägt», sagte sie.

Weiter in Staffel II:

Die Velostation wächst. Aber Wachstum stellt neue Fragen: Wie baut man ein echtes Unternehmen auf? Was ist ein Kunde wirklich — und wie findet man ihn? Was kostet ein Fehler, und wie lernt man daraus? Staffel II beginnt dort, wo Staffel I aufgehört hat: mit Lea, Jonas und Nora — und einer Idee, die grösser wird als der Innenhof an der Gerberstrasse.