Das Unternehmen II-4 11 Min.
Wer steht dahinter?
Brachers Nachricht kam an einem Montagvormittag, kurz nach acht: «Lasst uns treffen. Café Bahnhof, Mittwoch, 17 Uhr?»
Vier Abonnenten. Pellegrini hatte seinen Nachbarn mitgebracht, der der fünfte wurde. Der erste Monat Abo-Einnahmen: CHF 175. Das war kein Betrag, von dem man leben konnte. Aber er war pünktlich eingetroffen, ohne dass jemand hätte erinnert werden müssen.
Das Café war kleiner als erwartet, drei Tische, ein Tresen, die Art Ort, der keine Website hat. Bracher sass bereits da, als die drei ankamen. Er hatte einen Ordner vor sich — nicht einen schlanken Beratungsordner, sondern einen von der dicklichen Art, leicht zerknittert an den Rändern.
«Fünf Abonnenten», sagte Bracher, als Jonas die Neuigkeit nennen wollte. «Ich habe mitgezählt.»
«Woher wissen Sie das?»
«Nora hat mir eine Nachricht geschickt.» Er schlug den Ordner auf. «Das funktioniert. Also müssen wir es sauber aufstellen.»
Warum eine Form braucht, was einen Wert hat
Bracher erklärte es ohne Einleitung. So weitermachen wie bisher, als sogenannte Einzelfirma, sei für sie keine Option: Als Minderjährige waren Lea und Jonas im Geschäftsverkehr nicht vollständig handlungsfähig. Ihre Eltern hafteten persönlich für alles, was in ihrem Namen lief. Die haben das bis jetzt stillschweigend geduldet», sagte er. «Das Abo ändert das. Langfristige Verträge mit Kunden brauchen eine rechtliche Basis.»
Eine AG käme wegen des Mindestkapitals von CHF 100'000 nicht in Frage. Eine GmbH brauche CHF 20'000 Stammkapital, habe beschränkte Haftung der Gesellschafter und lasse sich von einem Geschäftsführer vertreten — der nicht zwingend Eigentümer sei.
«Wer wäre das?», fragte Lea.
«Ich», sagte Bracher.
Kurze Pause.
«Warum Sie?», fragte Jonas.
«Weil ihr minderjährig seid. Und weil ich mit zehntausend Franken den grössten Anteil einbringe.»
Jonas lehnte sich zurück. «Das sind unser Veloladen und unsere Kunden.»
«Ja», sagte Bracher. «Und mein Geld und mein Name als Geschäftsführer. Wenn etwas schiefläuft, hafte ich. Das ist kein Gefallen, das sind Chancen und Risiken, die ich bewusst eingehe.»
Jonas sagte nichts. Lea öffnete ihr Notizheft.
Was verhandelt wird
«Welchen Anteil wollen Sie?», fragte Lea.
«Die Hälfte. Ich lege zehntausend Franken ein — die andere Hälfte legt ihr, fünftausend jeder. Das macht fünfzig Prozent für mich und fünfundzwanzig für jede und jeden von euch.»
Jonas: «Fünftausend haben wir nicht.»
«Nein. Aber leihen könnt ihr es euch. Das ist der Punkt, den ihr verstehen müsst: Das Stammkapital gehört der GmbH. Eure Schuld gehört euch. Zwei verschiedene Dinge.»
Lea, ohne aufzuschauen: «Lass mich rechnen.»
Sie rechnete. Zwanzigtausend Franken Stammkapital, zur Hälfte von Bracher, zur Hälfte von ihnen. Was bisher da war — die fünf Abonnenten, das eingespielte Modell, der Name — kam als Wert hinzu, schwer zu beziffern, aber real. Fünfzig Prozent für den, der die Hälfte des Kapitals und seinen Namen als Geschäftsführer einbringt, fünfundzwanzig für jede und jeden von ihnen: das war rechnerisch nicht unvernünftig.
Leas fünftausend kamen von ihrem Vater — ein Darlehen, sauber verbrieft, Rückzahlung in Raten aus ihrem späteren Geschäftsführerlohn. Jonas fragte am selben Abend Grossmutter Irma. Sie hatte schon einmal ausgeholfen, damals für das Werkzeug; diesmal ging es um mehr. Sie sagte zu — und wollte es schriftlich, «damit wir Freunde bleiben».
«Fünfzig Prozent passt», sagte Lea, «aber mit zwei Bedingungen.»
Bracher wartete.
«Erstens: Sobald Jonas und ich volljährig sind, haben wir das Recht, die Hälfte Ihres Anteils zurückzukaufen — für fünftausend Franken, zum selben Preis, zu dem Sie eingestiegen sind. Das steht im Gesellschaftsvertrag.»
«Und zweitens?»
«Sie können Ihren Anteil in den ersten zwei Jahren nicht verkaufen, ohne ihn uns zuerst anzubieten. Vorkaufsrecht zum Marktpreis.»
Bracher schaute sie an. Dann nickte er, einmal. «Schreiben wir das rein.»
Jonas hatte zugehört. Er sagte noch nichts. Dann: «Was passiert, wenn Sie einfach aussteigen wollen? Nach den zwei Jahren?»
«Dann biete ich euch meinen Anteil an. Wenn ihr ihn nicht kaufen wollt oder könnt, kann ich ihn verkaufen — aber an wen, das könnt ihr im Vertrag einschränken.» Er schaute Jonas direkt an. «Ich habe kein Interesse daran, euch Probleme zu machen. Aber ich verstehe, dass ihr das nicht einfach glauben wollt.»
«Nein», sagte Jonas. «Ich will es im Vertrag.»
«Vernünftig», sagte Bracher.
Was Lea, Jonas und Bracher gerade taten, hat einen Namen: Sie verhandelten eine Eigentumsstruktur. Nicht nur darüber, wem was gehört, sondern darüber, was in welcher Situation gilt. Verträge zwischen Gesellschaftern legen fest, wer wann entscheiden darf, wer unter welchen Bedingungen aussteigen kann, und was passiert, wenn die Beteiligten sich nicht einig sind.
Das schafft Klarheit, dieselbe Form von Klarheit, die sie in Band I bei der Vermietung des Innenhofs geschaffen hatten: Weil Frau Steiner das Recht hatte, ja oder nein zu sagen, gab es etwas zu verhandeln. Eigentumsrechte ermöglichen Kooperation. Und bei grossen Werten sollte man die Regeln festschreiben, auch wenn man sich gegenseitig vertraut.
Der Gang zum Notariat
Das Notariat befand sich im zweiten Stock eines Gebäudes an der Marktgasse, drei Minuten vom Bahnhof. Die Empfangsdame trug eine Brille und arbeitete mit einer Tastatur, die bei jedem Anschlag leise klackte.
Der Notar hiess Steffen, war Ende fünfzig und las den Gesellschaftsvertrag Satz für Satz vor. Er las ihn nicht schnell. Er las ihn so, als würde er ihn selbst zum ersten Mal sehen, obwohl er ihn aufgesetzt hatte.
Jonas schaute zweimal aus dem Fenster. Beim dritten Mal schaute Bracher kurz zu ihm, ohne etwas zu sagen.
Lea stellte eine Frage: «In Paragraf sieben heisst es ‹marktüblicher Preis› — wie wird der festgestellt, falls die Beteiligten sich nicht einigen?»
Der Notar schaute kurz auf. «Guter Punkt. Wir können eine Schiedsklausel ergänzen — ein unabhängiger Bewerter, den beide Seiten bestimmen.» Er notierte etwas. «Ich passe das an.»
Eine Stunde und zwanzig Minuten später unterzeichneten alle vier — Bracher, Lea, Jonas und Jonas' Vater als gesetzlicher Vertreter für den Teil, der Minderjährige betraf. Der Notar legte die Füllfeder weg und sagte: «Die Velostation Gerberstrasse GmbH ist damit gegründet.»
Es klang weniger feierlich als erwartet. Eher wie eine abgehakte Aufgabe.
Was sich sofort ändert
Noch am selben Nachmittag bekam Nora einen neuen Vertrag. Arbeitgeberin war jetzt die Velostation Gerberstrasse GmbH, vertreten durch Martin Bracher als Geschäftsführer. Lohn CHF 13.50 pro Stunde — leicht erhöht, weil jetzt AHV-Beiträge korrekt abgeführt wurden und ihr Nettolohn nicht sinken sollte.
Sie las den Vertrag, zweimal, und unterschrieb.
«Ich habe jetzt einen richtigen Job», sagte sie.
«Hattest du vorher nicht?», fragte Jonas.
«Jetzt steht es auf Papier.»
Das war der Unterschied, den de Soto gemeint hatte: nicht der Inhalt der Arbeit, sondern ihre Sichtbarkeit. Nora hatte vorher genauso gearbeitet. Jetzt war es registriert, rechtlich klar. Das veränderte nicht, was sie tat. Es veränderte, was sie beanspruchen konnte.
Die Haftpflichtversicherung wurde Anfang der folgenden Woche abgeschlossen. CHF 28 pro Monat, Deckung bis CHF 500'000. Jonas las den Versicherungsschein und legte ihn dann in den Ordner, der jetzt im Unterstand hing, neben der Preisliste und dem Auftragszettelhalter.
«Wäre schön gewesen, das vor der Nummer mit Kessler zu haben», sagte er.
«Ja», sagte Lea. «Aber jetzt haben wir es jetzt vor der nächsten Nummer.»
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Frau Steiner bekam den neuen Mietvertrag per Post. Absender: Velostation Gerberstrasse GmbH, unterzeichnet von Martin Bracher, Geschäftsführer.
Sie antwortete drei Tage später — ebenfalls per Post, ein einzelnes unterzeichnetes Exemplar und ein handgeschriebener Satz auf dem Begleitblatt.
«Besser so.»
Jonas las es zweimal. «Zwei Wörter.»
«Tendenz wieder steigend», sagte Lea.
Im nächsten Kapitel Die GmbH steht. Aber Bracher stellt jetzt eine Frage, die sich bisher niemand laut gestellt hat: Weiss der Markt eigentlich, dass es sie gibt?