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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Das Unternehmen II-9 14 Min.

Wer schreibt die Regeln?

Der Brief kam an einem Dienstagvormittag. Absender: Stadtkanzlei Arlen. Empfänger: Velostation Gerberstrasse GmbH, zuhanden Martin Bracher.

Bracher las ihn, rief Cécile Ruf an und schickte einen Scan an Jonas und Lea. Seine Nachricht dazu war kürzer als üblich: «Lest das.»

Der Beschluss des Stadtrats, gefasst in der Sitzung vom vergangenen Donnerstag, legte zwei Dinge fest.

Erstens: Entgeltliche Fahrradwartung und -reparatur im gewerblichen Rahmen gelte als handwerkliche Tätigkeit und erfordere in Wohnzonen eine gesonderte Gewerbebewilligung. Diese Bewilligung setze den Nachweis einer anerkannten Berufsausbildung als Zweiradmechaniker oder -mechatroniker voraus.

Zweitens: Die gewerbliche Nutzung von Innenhöfen in Wohnzonen bedürfe einer Sondernutzungsbewilligung, die künftig jährlich zu erneuern sei.

Lea las den Beschluss zweimal.

Bracher hatte nachgefragt: Die Initiative war vom lokalen Velohändlerverband ausgegangen.

Was Haas getan hatte

«Wer hat das beschlossen?», fragte Jonas.

«Der Stadtrat», sagte Bracher.

«Auf wessen Initiative?»

Bracher legte das Papier auf den Werktisch. «Ich habe nachgefragt. Es gab eine Eingabe des lokalen Velohändlerverbands.»

Jonas schwieg kurz. Dann: «Haas.»

«Wahrscheinlich.»

Jonas: «Was er gemacht hat, ist falsch.»

«Es ist legal», sagte Bracher.

«Dass es illegal ist, habe ich nicht behauptet», sagte Jonas.

Lea sah ihn nicht an. Sie schaute auf den Beschluss. Dann: «Er hat die Regeln nicht gebrochen. Er hat andere beeinflusst, die sie dann geschrieben haben.»

Jonas: «Das ist dasselbe.»

«Nicht wirklich.» Lea legte das Papier hin.

Es war still im Innenhof.

Was Haas getan hatte, war nicht unverständlich. Er führte seit zweiundzwanzig Jahren einen Betrieb, hatte immer alle Regeln eingehalten, Steuern bezahlt, Angestellte ausgebildet. Und plötzlich verlor er Kunden an eine GmbH, in der Sechzehnjährige arbeiteten — ohne Berufszertifizierung, ohne gewerbliche Sondernutzung. Er hatte einen Wettbewerbsnachteil erlitten, der sich durch Qualität allein kaum ausgleichen liess.

Das war sein Argument. Und es war nicht erfunden.

Die Frage war eine andere: Ob die Lösung, die er gewählt hatte, sein Problem löste — oder ob sie ein anderes Problem schuf.

Drei Optionen

Cécile Ruf kam am nächsten Tag. Sie setzte sich diesmal ohne Mantel hin. Und sie brachte Zeit mit.

«Drei Optionen», sagte sie. «Ich erkläre sie, dann redet ihr.»

Erstens: Anfechten. Der Beschluss sei anfechtbar, wenn er unverhältnismässig sei oder die Begründung nicht trage. Das koste Zeit und Geld — drei bis sechs Monate, CHF 5'000 bis 10'000 für das Verfahren, Ausgang ungewiss. Es setze aber einen Präzedenzfall. Und falls die Velostation gewänne, wäre der Beschluss aufgehoben.

Zweitens: Anpassen. Jonas beginne die Zertifizierungsausbildung zum Zweiradmechaniker, möglich als berufsbegleitender Kurs, Dauer etwa ein Jahr. In der Zwischenzeit führe Lukas, der bereits ausgebildet sei, die regulierungspflichtigen Arbeiten durch. Sie beantragten die Gewerbebewilligung für den Innenhof und klärten mit Frau Steiner, ob der Standort als Gewerbezone durchgehe oder ob sie umsiedeln müssten.

Drittens: Pivotieren. Das Abo-Modell werde so umstrukturiert, dass es nicht mehr als gewerbliche Reparaturdienstleistung gelte, sondern als Mitgliedschaft in einer Wartungsgemeinschaft. Das sei rechtlich möglich aber aufwändig zu konstruieren und müsse sorgfältig geprüft werden.

«Was empfehlen Sie?», fragte Lea.

«Zwei und drei kombinieren. Anfechten nur, wenn Option zwei scheitert.»

Jonas: «Ich fange mit der Ausbildung an.»

«Gut», sagte Ruf trocken.

Was hier passierte, hat in der Wirtschaftswissenschaft einen Namen, auch wenn Cécile Ruf ihn an diesem Tag noch nicht aussprach.

Im Marktprozess kann man auf die Nase fallen. Ideen scheitern, Angebote finden keine Nachfrage, Kunden wechseln. Das ist Feedback, kein Versagen. Der Unterschied entsteht dort, wo nicht mehr der Wettbewerb entscheidet, wer gewinnt, sondern politische Regeln. Das nennt man Rent-Seeking: Eine Interessengruppe nutzt den politischen Prozess, um Vorteile zu sichern, die im freien Wettbewerb so nicht erreichbar wären. Mancur Olson hat erklärt, warum das strukturell passiert. George Stigler hat dem Phänomen, dass es strukturell wird, einen Namen gegeben: Regulatory Capture, die «Übernahme» des Regulators durch die Regulierten.

Die Velostation hatte keinen Fehler gemacht, als sie ohne formelle Gewerbebewilligung für den Innenhof operierte. Das war eine Grauzone, wie sie viele Kleinstbetriebe kennen. Haas' Petition änderte es. Das war legal. Ob es den Kunden und damit der Allgemeinheit nutzte oder nur ihm, war eine andere Frage.

Was Nora schrieb

Nora hatte drei Tage gebraucht. Nicht weil sie nicht wusste, was sie schreiben wollte, sondern weil sie es so schreiben wollte, dass es hielt.

Sie nannte keine Namen. Sie beschrieb den Mechanismus: Ein etabliertes Unternehmen, das mit einem kleineren Konkurrenten nicht mithalten konnte oder wollte, hatte den Stadtrat gebeten, Regeln zu setzen, die den Konkurrenten belasten. Der Stadtrat hatte zugestimmt. Das Ergebnis: neue Bürokratie, neue Kosten, weniger Wettbewerb.

Sie schrieb auch, was Haas' Perspektive sein könnte: dass er tatsächlich einen Wettbewerbsnachteil hatte, weil die Velostation ohne Zertifizierung operiert hatte. Sie fand das wichtig. Einseitige Berichte sind schwächer als ausgewogene.

Der lokale Blog «Arlen Aktuell» teilte den Text am nächsten Morgen. Bis Mittag hatten die Leserinnen und Leser im Kommentarbereich selbst herausgefunden, wen Nora meinte, ohne dass sie es geschrieben hatte.

Die Reaktionen waren gemischt. Einige fanden: Die Velostation hätte von Anfang an korrekt zugelassen sein sollen. Einige fanden: Haas hätte versuchen sollen, besser zu werden, nicht die Regeln zu ändern. Einige fanden beides gleichzeitig, auf verschiedene Arten.

Werner Haas gab auf Anfrage einer Stadtblatt-Journalistin ein kurzes Statement ab: «Ich habe die Regeln angewendet, die für alle gelten. Ich erwarte nicht mehr, als dass sie eingehalten werden.»

Das war nicht völlig falsch. Es war aber auch nicht die ganze Wahrheit.

Bracher schickte drei Tage nach Noras Eintrag eine kurze Nachricht an alle drei. «Ich schreibe heute an den Stadtrat. Nicht um zu klagen. Um zu erklären.»

Lea fragte, was er schreiben würde.

«Was Nora schon geschrieben hat», sagte er. «Aber auf Briefpapier. Damit es im Protokoll steht.»

Jonas las das und antwortete nicht sofort. Dann tippte er: «Das ändert nichts.»

«Nicht per se», schrieb Bracher zurück, «aber wir fangen auch erst an.»

Was bleibt offen

Frau Steiner hatte, als sie von der Situation erfuhr, keine langen Ausführungen gemacht. Sie hatte Bracher angerufen und gefragt, was die GmbH brauche. Dann hatte sie den Mietvertrag für den Innenhof auf drei Jahre verlängert, ohne Preiserhöhung, und schriftlich bestätigt, dass der Innenhof als Gewerbefläche nutzbar sei, solange die entsprechenden Bewilligungen vorlägen.

«Drei Jahre», sagte Jonas, als er den Brief sah.

«Sie hat Vertrauen», sagte Nora.

«Oder sie will nicht suchen», sagte Jonas. Aber er sagte es nicht unfreundlich.

Die Gewerbebewilligung war beantragt. Jonas hatte sich für den Zertifizierungskurs angemeldet — ein Jahr, Samstage und Abendkurse, Prüfung im darauffolgenden Sommer.

Lukas führte in der Zwischenzeit alle Arbeiten formell durch, für die eine Zertifizierung verlangt wurde. Das bedeutete in der Praxis: mehr Koordination, etwas mehr Reibung, aber kein Stillstand.

Die Velostation GmbH existierte weiter. Verändert, unter Druck, aber mit allen früheren Kunden.

An einem Abend Ende April sassen Lea, Jonas, Nora und Lukas im Innenhof. Lukas hatte Bier mitgebracht. Bracher war nicht da, er hatte einen anderen Termin.

Sie sprachen nicht über Haas. Sie sprachen über den Sommer, über Müllers neue Cargo-Velo-Flotte, über die Schule, die einen zweiten Wartungsvertrag wollte.

Dann sagte Lea — halb zu sich selbst, halb in die Runde: «Wenn der Staat Regeln schreiben kann, die einzelne begünstigen — wer kontrolliert das eigentlich?»

Niemand antwortete sofort.

Lukas: «Gibt es dafür eine Antwort?»

«Wahrscheinlich», sagte Lea. «Aber ich kenne sie noch nicht.»

Abschluss Staffel II: Geprüfte Unternehmensidee

Lea hatte an einem Abend eine Liste gemacht, um zu sehen, wo sie angefangen hatten und wo sie jetzt waren.

Neun Fragen, neun Antworten. Und keine einfachen.

Kapitel 1: Was braucht hier eigentlich wer?

Kunden wollen ein Ziel erreichen. Das Kundenproblem bzw. -ziel zu verstehen ist wesentlich. Die Pendler wollten nicht Reparatur. Sie wollten vergessen dürfen.

Kapitel 2: Was versprechen wir eigentlich?

Ein Nutzenversprechen, das sich nicht in einen Satz fassen lässt, ist zu umständlich.

Kapitel 3: Was kostet das eigentlich wirklich?

Was keine Rechnung erzeugt, existiert trotzdem. Jonas' Zeit, der Werkzeugverschleiss, Noras Koordinationsaufwand. Wer das vergisst, finanziert womöglich seine Kunden.

Kapitel 4: Wer steht eigentlich dahinter?

Die GmbH macht die Velostation sichtbar: für Versicherungen, für Kunden, für Banken. De Soto: Totes Kapital wird lebendig.

Kapitel 5: Was weiss eigentlich der Markt?

Die Schule, Herr Müller, das Saisonmuster: alles Entdeckungen, die niemand geplant hatte. Hayek: Der Wettbewerb erzeugt Information, die vorher nicht existiert.

Kapitel 6: Wer entscheidet eigentlich was?

Jonas, Lea, Nora, Lukas, Bracher: Jeder hat einen Bereich. Ronald Coase: Koordination innerhalb einer Firma ist manchmal günstiger als Koordination über den Markt.

Kapitel 7: Was haben wir eigentlich vereinbart?

Jonas' Werkzeug gehörte ihm, nicht der GmbH. Das Abo-Modell gehörte der GmbH, nicht Lea. Verträge erzwingen Klarheit.

Kapitel 8: Wie sprechen wir eigentlich darüber?

Noras drei Geschichten waren überprüfbar und wahr. Das ist der Unterschied zwischen Werbung und Kommunikation. Und der Unterschied zwischen Vertrauen aufbauen und es erschleichen.

Kapitel 9: Wer schreibt eigentlich die Regeln?

Haas hat die Regeln nicht gebrochen. Er hat sie schreiben lassen. Das ist nicht dasselbe. Legal und gerecht sind nicht dasselbe. Das ist das Thema, um das sich Staffel III dreht.

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Weiter in Staffel III:

«Was mit euch passiert ist, hat einen Namen», hatte Cécile Ruf am Ende des Gesprächs gesagt — beiläufig, als Randnotiz.

«Welchen?», hatte Lea gefragt.

«Den lernt ihr, wenn ihr versteht, wie Ordnung entsteht — ob sie wächst oder ob sie gesetzt wird.»

Sie hatte die Tasche genommen und war gegangen.

Lea hatte die Frage aufgeschrieben, weil sie eine gute Antwort verdiente.

Die Velostation GmbH wächst weiter. Jonas lernt samstags. Nora schreibt. Lukas wartet die Cargo-Velos. Lea rechnet.

Und irgendwo in Arlen denkt Werner Haas über sein nächstes Gespräch mit dem Stadtrat nach.

Das, was dabei passiert — und warum es so passiert, wie es passiert — erzählt Staffel III.