Wie wir zusammenleben III-1 13 Min.
Was können Menschen grundsätzlich tun?
Lea hatte den Satz in ihr Notizheft geschrieben: «Wenn der Staat Regeln schreiben kann, die einzelne begünstigen — wer kontrolliert das eigentlich?»
«Was mit euch passiert ist, hat einen Namen. Den lernt ihr, wenn ihr versteht, wie soziale Ordnung entsteht — ob sie wächst oder ob sie gesetzt wird.»
Das hatte Cécile Ruf gesagt, am Abend des Beschlusses, beiläufig, als wäre es nur eine Randbemerkung. Dann hatte sie ihre Tasche genommen und war gegangen.
Lea hatte den Satz gelesen. Mehrmals.
Eine Woche später schrieb sie die E-Mail. Sie war kurz: «Sie haben gesagt, sie würden die Antwort auf die Frage kennen, wie eine Ordnung zwischen den Menschen entsteht. Das würde ich gerne auch.»
Cécile Rufs Antwort kam am nächsten Morgen: «Die Antwort hat mehrere Teile. Kommt ihr diese Woche? Donnerstag, halb zwei. Ich hab eine Stunde.»
Lea fragte Jonas, ob er mitkommen wolle.
«Warum?», fragte er.
«Weil du bessere Fragen stellst als ich», sagte sie. «Wenn ich alleine hingehe, fallen mir die richtigen erst auf dem Heimweg ein.»
Jonas dachte nach. «Am Donnerstagnachmittag muss ich die Kette von Müllers Cargobike nachspannen.»
«Das dauert zwanzig Minuten.»
«Fünfzehn, wenn nichts klemmt.»
«Dann hast du Zeit.»
Er nickte. «Aber ich muss um halb vier zurück sein.»
Das Büro
Cécile Rufs Büro lag im zweiten Stock eines Altbaus in der Stadt. Kein Empfang, keine Wartezone, die Bürotür war angelehnt. Bücherregale, ein grosser Schreibtisch, ein Besprechungstisch mit vier Stühlen. Durch das Fenster sah man auf eine ruhige Strasse.
Sie stand am Schreibtisch und schloss einen Ordner, als Lea und Jonas hereinkamen.
«Setzt euch», sagte sie. «Ich fange nicht mit eurer Frage an», sagte sie. «Sondern mit einer anderen.»
«Gut», sagte Lea.
«Was kann ein Mensch eigentlich tun?»
Stille.
«Das ist sehr allgemein», sagte Jonas.
«Ja. Aber lasst uns schauen, wohin es führt.» Cécile Ruf nahm ein leeres Blatt Papier und einen Stift. «Wenn ich handele, verfolge ich damit ein Ziel. Ich tue irgendetwas, absichtlich, um einen Zustand herzustellen, den ich dem gegenwärtigen vorziehe. Und dabei gibt es zunächst genau eine Unterscheidung: Berücksichtige ich dabei jemand anderes oder nicht?»
Sie schrieb zwei Wörter auf das Blatt: Non-sozial. Sozial.
«Das Erste ist eine Handlung, die niemand anderes involviert, die sich nur auf mich selbst bezieht. Ich übe alleine Klavier. Ich halte Diät. Die Wirkung auf andere ist bestenfalls Nebeneffekt.»
«Und soziale Handlungen?», fragte Lea.
«Wenn ich die andere Person in meine Handlung einbeziehe. Wenn es darauf ankommt, was sie tut, denkt, fühlt oder hat.»
Jonas lehnte sich vor. «Sehr vieles ist dann sozial.»
«Sehr vieles, ja.» Sie schrieb zwei neue Wörter unter Sozial: Zweck. Mittel.
«Wenn ich jemanden einbeziehe, tue ich das entweder, weil er selbst mein Zweck, mein Ziel ist. Oder weil er mir helfen soll, mein Ziel zu erreichen. Als Zweck: Ich schenke jemandem etwas, weil ich will, dass er sich freut. Ich helfe jemandem. Oder ich tue jemandem absichtlich weh, ohne selbst direkt davon zu profitieren. Die andere Person ist mein Anliegen — ihr Wohlergehen oder ihr Schaden ist das, was ich anstrebe. Die Handlungen sind unilateral, einseitig: Ich handle und die andere Person empfängt oder erleidet, ohne selbst aktiv zu werden. Im einen Fall sprechen wir von unilateraler Schenkung. Im anderen Fall von unilateraler Schädigung.»
Jonas' erste Frage
«Und wenn die andere Person Mittel ist?»
«Dann gibt es eine weitere Frage», sagte Cécile Ruf. «Soll die andere Person etwas tun, soll sie selbst handeln? Oder soll sie mir bloss als Ressource dienen, passiv?»
«Passiv — auf welche Weise?»
«Ich will etwas, das ihr gehört, und ich nehme es, ohne sie dabei einzubeziehen. Der klassische Fall: Diebstahl. Ich will das Velo. Es gehört zufällig dir. Ich nehme es. Normalerweise tauchst du in meiner Überlegung kaum auf. Was mich interessiert, ist das Velo, nicht du. So etwas ist ebenfalls unilateral, ein unilateraler Transfer: Ich überführe ein Gut einseitig, ohne Interaktion.»
Jonas hob kurz die Hand. «Das ist aber gar nicht so anders als die unilaterale Schädigung.»
«Nun, wir betrachten hier alle möglichen Handlungsweisen.» Cécile Ruf tippte auf das Wort Zweck. «Aus Sicht des Anderen mag es keinen grossen Unterschied machen, ob er Opfer einer unilateralen Schädigung oder eines unilateralen Transfers wird. Aber bei der Schädigung ist er der Zweck der Handlung. Er muss dem Handelnden also wichtig sein, und zwar im negativen Sinn. Die allermeisten Menschen tun Anderen so etwas nur an, wenn sie sie persönlich kennen. Beim Diebstahl ist das nicht der Fall.»
«Also: Beim unilateralen Transfer interessiert mich die andere Person praktisch nicht», sagte Jonas, «und bei der unilateralen Schädigung ist sie der Zweck meiner Handlung.»
«Richtig.»
«Und wenn die andere Person handeln soll?»
«Dann sprechen wir von einer bilateralen Handlung, einer Interaktion.» Cécile Ruf zog eine neue Linie auf dem Blatt. Bilateral: beide sollen handeln.
«Und der folgende Punkt ist entscheidend: Damit jemand in meinem Sinne handelt, muss er wissen, was ich von ihm will. Dafür mache ich eine Ankündigung. Das kann ein Angebot sein: Ich gebe dir X, wenn du Y tust. Oder eine Drohung: Ich tue dir Z an, wenn du Y nicht tust. Beides sind Versprechen über meine zukünftigen Handlungen.»
Lea hatte mitgeschrieben. «Und das ist die letzte Unterscheidung.»
«Ja.» Cécile Ruf schrieb zwei weitere Wörter auf das Blatt: Katallaktisch. Kratisch.
«Die entscheidende Frage beim bilateralen Handeln: Kann die andere Person ablehnen, ohne einen Nachteil zu erleiden? Falls ja, ist das eine katallaktische Interaktion. Ein Angebot. Ich schlage etwas vor. Du kannst ja oder nein sagen. Wenn du nein sagst, passiert dir nichts Schlimmes — ausser dass der Tausch nicht stattfindet. Katallaktik ist die Lehre vom freiwilligen Tausch, vom Angebot, vom Markt. Der Name kommt vom Griechischen — katallassein: tauschen, sich versöhnen.»
«Und kratisch?»
«Wenn die Ablehnung mit einem Nachteil verbunden ist. Wenn die andere Person etwas erleiden würde, das sie nicht will, falls sie nicht tut, was ich will. Dann habe ich nicht angeboten. Ich habe gedroht.» Sie schrieb dazu: Drohung = Versprechen, jemandem zu schaden. «Kratisch kommt von kratein — herrschen. Die Interaktion beruht auf dem Versprechen des Nachteils. Eine vollständige Drohung formuliert eine konkrete Bedingung und eine konkrete Konsequenz. Das ermöglicht auch zu blenden — eine Drohung auszusprechen, die man gar nicht durchsetzen will, um das Verhalten zu erzeugen, ohne die Konsequenz tragen zu müssen. Das nennt man Bluff.»
Sie legte den Stift hin. «Das ist eine vollständige Landkarte menschlicher Handlungen.»
Jonas' zweite Frage
Jonas hatte zugehört und tippte nun auf eine Stelle.
«War Haas' Aktion kratisch?»
Cécile Ruf wartete.
«Er hat nicht gedroht», sagte Jonas. «Er hat den Stadtrat um eine neue Regelung gebeten. Der Stadtrat hat entschieden. Haas hat vielleicht sogar etwas angeboten: Er zahlt seit zwanzig Jahren Gewerbesteuer, das erwähnt man in so einem Gespräch. Das klingt fast katallaktisch.»
«Und der Stadtrat?», fragte Cécile Ruf.
Jonas dachte weiter. «Der droht uns mit Konsequenzen, falls wir die neue Regelung nicht befolgen.»
«Richtig.»
«Also: Was hat Haas genau getan?»
Cécile Ruf schüttelte leicht den Kopf. «Schau auf die Landkarte. Haas wollte, dass es für euch schwieriger wird. Dass ihr aufhört oder euch zertifiziert. Er wollte euer Verhalten verändern. Das ist bilateral. Er wollte, dass ihr das nicht ohne einen Nachteil ablehnen könnt. Aber er hat die kratische Handlung nicht selbst ausgeführt sondern den Stadtrat benutzt, der sie für ihn ausführt.»
«Stimmt», sagte Lea.
«Der Beschluss der neuen Regel entspricht einer indirekten Drohung. Haas hat die Drohung an eine Instanz ausgelagert, die sie legitim aussprechen kann.» Sie lehnte sich leicht zurück. «Das macht seine Aktion nicht weniger kratisch. Es macht es für euch schwerer, ihr zu entgehen.»
«Weil niemand etwas Illegales getan hat», sagte Lea.
«Genau. Haas hat eine Möglichkeit genutzt, die das System ihm bot.»
Jonas sah auf das Blatt. Die Landkarte war vollständig.
«Das heisst», sagte er langsam, «der Unterschied zwischen Angebot und Drohung liegt darin, was passiert, wenn die andere Person nein sagt.»
«Genau.»
«Die Velostation», sagte Lea, «das war Katallaktik. Vom ersten Abo bis zur GmbH — wir haben Angebote gemacht, die man ablehnen konnte. Und was Haas getan hat, war Kratik. Wir haben beides erlebt, ohne diese Wörter zu kennen.»
«Und jetzt kennt ihr sie», sagte Cécile Ruf.
«Aber was machen wir damit?», fragte Jonas.
«Dafür bin ich nicht zuständig», sagte Cécile Ruf und schaute auf die Uhr.
Auf dem Weg zum Bahnhof sagte Jonas: «Ich verstehe jetzt, was Haas getan hat. Aber ich verstehe noch nicht, wie wir am besten darauf reagieren.»
«Das waren erst die Begriffe», sagte Lea. «Noch keine Antworten.»
Sie gingen eine Weile schweigend. Dann sagte Jonas: «Was mich irritiert: Es gibt viele Leute, die das tun, was uns Haas angetan hat. Überall, nicht nur in Arlen. Niemand sieht das Problem, weil das System es erlaubt.»
Lea nickte. Aber dann schüttelte sie langsam den Kopf. «Und trotzdem — schau dich um. Fast alles, was du heute benutzt hast, ist ohne Zwang entstanden: dein Handy, dein Essen, dein Velo, jede Reparatur bei uns. Menschen haben es gemacht und getauscht, freiwillig. Das ist der Normalfall — riesig. Nur eine einzige Schicht läuft noch mit Zwang.»
«Und die soll man einfach hinnehmen?»
«Vielleicht nicht.» Lea blieb kurz stehen. «Aber die Frage ist nicht, ob Menschen ohne Zwang zusammenleben können. Das tun sie längst, überall. Die Frage ist: Warum läuft ausgerechnet diese eine Schicht immer noch auf Zwang?»
Jonas: «Das klingt nach einer sehr grossen Frage.»
«Ja.» Lea steckte das Notizheft in die Tasche. «Aber grosse Fragen haben manchmal konkrete Antworten. Man muss nur zuerst verstehen, was man eigentlich fragt.»
Jonas stieg in den nächsten Zug zurück nach Arlen. Er hatte genug Zeit, die Kette von Müllers Cargobike nachzuspannen.
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Im nächsten Kapitel Cécile Ruf erklärt den Unterschied zwischen Angebot und Drohung genauer, als er auf den ersten Blick nötig scheint. Und Jonas stellt fest, dass seine sechs Möglichkeiten zu antworten unterschiedlich viel kosten.