Wie wir zusammenleben III-3 19 Min.
Was ist der Unterschied zwischen Vermögen und Macht?
Martin Bracher rief Jonas an einem Dienstagabend an — nicht per Messenger-Dienst sondern über das Telefonnetz. Das bedeutete bei ihm, dass er etwas Wichtiges zu sagen hatte.
«Ich habe gehört, ihr baut gerade etwas auf», sagte er. «Eine Art Kooperative.»
Jonas bestätigte es.
«Ich würde gerne einsteigen. Nicht operativ sondern als stiller Teilhaber. Ich kann wieder Kapital einbringen, wenn ihr das braucht.»
Jonas überlegte kurz. «Ich muss zuerst mit Lea reden. Und du weisst, dass das dann kein normales Gespräch wird.»
«Ich weiss», sagte Bracher. «Darum hab ich angerufen.»
Das Treffen fand zwei Tage später in der Velostation statt, im hinteren Bereich, wo die Werkzeuge hingen und es nach Kettenöl roch. Lukas war nicht da. Nora war dabei — sie kannte ja Bracher von früher.
Bracher setzte sich auf einen der Hocker und sah sich um. «Ihr habt das gut hingekriegt», sagte er. Nicht als Kompliment sondern als Feststellung.
Was wir bauen
Lea schlug eine Seite in ihrem Notizheft auf. «Bevor wir über deine Bedingungen reden — und über das Geld — sollten wir dir sagen, worum es uns geht. 'Eine Art Kooperative' ist zu unscharf für eine solche Entscheidung.»
«Ich höre.»
«Erstens: die Idee der Einkaufsgemeinschaft. Wir sammeln Bestellungen direkt beim Hauptlieferanten und kaufen zu Konditionen ein, die wir gemeinsam aushandeln. Velo-Ersatzteile zuerst, später auch andere Dinge.»
Bracher nickte. «Klassischer Mengenrabatt. Verhandlungsmacht durch Bündelung.»
«Genau.»
Jonas: «Aber wir haben weitergedacht.»
«Zweitens», sagte Lea, «ein gemeinsamer Werkzeugpool. Spezialwerkzeug, das für einen einzelnen Betrieb zu teuer ist. Aber das sich für zehn Betriebe lohnt. Drehmomentschlüssel-Sets für E-Bike-Komponenten, Reifenmontiergeräte, Diagnosegeräte für Bosch-Systeme. Plus eine gemeinsame Lagerfläche — zwei Räume, die wir bei Frau Steiner mieten würden, gleich neben der Velostation. Wer Saisonmaterial einlagern muss, mietet sich anteilig ein.»
Bracher legte den Kopf leicht schräg. «Das ist etwas Anderes als die Einkaufsgemeinschaft: Sammelbestellungen sind eigentlich viele einzelne Geschäfte, die koordiniert laufen. Wer mitmacht, hat keine besondere Verbindung zu den anderen Mitgliedern — er kauft sein Material, der nächste seines. Aber ein Werkzeugpool ist etwas Gemeinsames. Er kann beschädigt werden, verloren gehen, übernutzt werden. Man muss sich auf die anderen verlassen können. Das ist eine andere Art von Beziehung.»
«Stimmt.»
«Da fängt es an, kompliziert zu werden. Sammelbestellungen funktionieren auch ohne grosse Regeln. Gemeinsam genutzte Güter brauchen welche.»
Lea schrieb sich das auf.
«Drittens: ein Empfehlungsnetzwerk. Wenn ein Kunde zu mir kommt und nach etwas fragt, das ich nicht mache, schicke ich ihn zu einem anderen Mitglied. Und umgekehrt. Keine harte Verpflichtung aber eine Soll-Regel.»
«Wie viele Interessenten?»
«Zehn Unternehmen bislang», sagte Jonas. «Zwei Bäckereien, ein Schuhmacher, ein Fotograf, drei Handwerksbetriebe, eine kleine Gastronomie, eine Detailhändlerin. Plus wir.»
«Also auch andere Gewerbe.»
«Ja. Wir wollen nicht nur Velomechaniker. Sonst wären wir eine Branchenvertretung — und dann kämen wir irgendwann mit der nächsten Petition.»
Bracher schrieb sich etwas in sein Notizbuch. «Und das alles mit welcher Rechtsform?»
«Schweizerische Genossenschaft. Wir haben uns die Statuten von drei vergleichbaren angeschaut.»
Stille.
«Gut», sagte Bracher schliesslich. «Und da kann mein Kapital Euch helfen. Werkzeug ist teuer. Die Lagerflächenmiete braucht eine Kaution. Sammelbestellungen brauchen oft eine Vorfinanzierung beim Lieferanten. Und all das muss gepflegt werden — schon vor der ersten Generalversammlung.»
«Ja...»
«Also gut.» Er legte das Notizbuch ab. «Mein Wunsch dafür: Ich möchte voll informiert sein. Und ein Stimmrecht bei grossen Entscheiden haben. Kein Führungsanspruch. Aber ein Veto, damit das nicht fundamental schiefgeht.»
«Ein Veto», sagte Jonas.
«Ein Veto.»
Stille. Draussen fuhr ein Velo vorbei.
«Das bedeutet», sagte Lea, «du hast Macht über die Kooperative.»
Bracher sah sie an. «Ich habe Vermögen. Das ist nicht dasselbe.»
«Das», sagte Lea, «müssen wir genauer anschauen.»
Vermögen ist nicht Macht — aber auch Macht braucht Mittel
Sie hatte ihr Notizheft aufgeschlagen. «Fangen wir mit dem an, was wir bereits kennen. Eigentum: das Recht, über etwas zu verfügen, andere auszuschliessen — und die Verantwortung zu tragen.»
Bracher nickte: «Vermögen ist etwas anderes. Einerseits ist es die Summe der bewerteten Eigentumspositionen. Andererseits beschreibt es auch Fähigkeiten, die jemand hat, die sich aber nicht wie Eigentum bewerten lassen. Ich habe CHF 15'000 bar. Das gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu kaufen, zu investieren, zu verleihen.»
«Aber», sagte Jonas, «Haas hat den Stadtrat benutzt und ist kein reicher Mann. Was hat er, das du nicht hast?»
Lea sah auf ihr Notizheft. «Max Weber sagt: Macht hat, wer den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchsetzen kann — gleichviel, weshalb. Das hat nichts mit Franken zu tun. Es hat damit zu tun, ob man kontrollieren kann, was andere tun.»
«Haas hat Beziehungen», sagte Jonas. «Er hat die Stadtratsmitglieder jahrelang beim Radrennen unterstützt — mit Zeit und Arbeit, ohne Geld. Das hat Verbindlichkeit erzeugt. Als er bat, haben sie zugehört.»
«Soziales Kapital», sagte Bracher. «Das ist eine Ressource, die oft kaum sichtbar ist. Sie entsteht meist aus vielen kleinen Handlungen über Zeit — Gegendienste, Aufmerksamkeiten, Präsenz. Und sie kann irgendwann eingesetzt werden.»
Nora: «Das ist auch das, was seinen Fall schwer greifbar macht. Er hat nichts Illegales getan. Er hat sich ein Netzwerk aufgebaut — das ist erlaubt. Und dann hat er es genutzt.»
«Um eine kratische Handlung auszulösen», ergänzte Jonas.
«Genau.» Lea sah Bracher an. «Dein Stimmrecht wäre ganz anders. Du tauschst Geld gegen eine vertraglich definierte Position — das ist katallaktisch. Alle stimmen freiwillig zu. Das ist transparent, und die anderen können es überprüfen.»
«Aber?»
«Aber die Satzung muss festhalten, wofür dein Stimmrecht benutzt werden darf. Nicht weil wir dir misstrauen, sondern weil Regeln nicht von den Beziehungen einzelner Personen abhängen sollten.»
Vermögen und Macht — die Schärfung
Lea legte das Notizheft beiseite. «Weber sagt: gleichviel worauf die Chance beruht. Aber das ist uns zu unscharf. Wenn Jonas einen Kunden überzeugt, sein E-Bike reparieren zu lassen statt es zu ersetzen — hat er dann Macht über ihn?»
«Nach Weber wahrscheinlich», sagte Bracher.
«Nach unserer Landkarte nicht. Das war ein Angebot, das kostenfrei abgelehnt werden konnte.» Sie schrieb zwei Wörter untereinander auf ihr Blatt: Vermögen. Macht. Und daneben:
Vermögen = die Chance, den eigenen Willen durch Angebote durchzusetzen — im katallaktischen Modus.
Macht = die Chance, den eigenen Willen gegen Widerstand durchzusetzen — im kratischen Modus.
«Beides sind Potenziale. Beide hängen davon ab, was jemand mitbringt. Aber sie wirken in verschiedenen Modi.»
Jonas: «Und dieselbe Ressource kann in beiden Modi wirken.»
«Genau. Geld typischerweise katallaktisch — als Angebot. Unter Monopolbedingungen wird daraus ein Diktat. Charisma katallaktisch, wenn man gerne folgt. Kratisch, wenn man fürchtet, ausgeschlossen zu werden. Information katallaktisch als Beratung. Kratisch als Erpressung. Was zählt, ist nicht die Ressource — entscheidend ist, was passiert, wenn die andere Person nein sagt.»
Bracher: «Der Status-quo-ante-Test.»
«Ja.»
Nora schrieb mit. «Und Haas?»
Lea: «Haas hat Vermögen — Beziehungen, soziales Kapital. Macht im strikten Sinn hat er nicht. Er kann uns nichts wegnehmen, das uns schon gehört. Aber er hat den Hebel zur Macht eines anderen: den Stadtrat. Sein Vermögen reicht, um eine andere Macht zu aktivieren.»
Stille.
«Und du?», sagte Jonas zu Bracher.
«Ich habe auch Vermögen. Ich biete es im Tausch gegen eine Position an. Alle Mitglieder stimmen freiwillig zu oder lehnen ab — und können später auch austreten. So lange das so bleibt, ist es ein katallaktischer Tausch. Wenn meine Position später jemanden zwingen könnte, der dieser Ordnung nicht zugestimmt hat oder nicht kostenfrei austreten kann, dann wäre es Macht im engeren Sinn.»
«Eine kleine, kontraktuelle Herrschaftsposition», sagte Lea, «in Webers Sprache. Im Rahmen einer Ordnung, der alle freiwillig zugestimmt haben.»
«Das ist der Unterschied.»
Die tiefere Frage
Jonas lehnte sich zurück. «Haas hat soziales Kapital eingesetzt, um den Stadtrat zu einer kratischen Handlung zu bringen. Das war legal. Und trotzdem fühlt es sich falsch an.»
«Weil es das ist», sagte Lea. «Aber die Frage ist: Warum ist es falsch?»
Kurze Pause.
«Haas hat nichts getan, was Andere nicht ebenso dürfen: Er hat jemanden um etwas gebeten. Der Stadtrat aber hat etwas getan, was wir als Privatpersonen nicht dürfen: Er hat eine Regel gesetzt, die andere zwingt.» Lea schloss ihr Notizheft. «Warum darf der Staat, was Private nicht dürfen?»
«Weil er dazu beauftragt ist», sagte Bracher.
«Von wem?»
«Von der Bevölkerung. Demokratisch legitimiert.»
«Und die Bevölkerung», sagte Lea, «hat das freiwillig so entschieden?»
Stille. Bracher trank seinen Kaffee. Nora schrieb.
«Das», sagte Jonas, «ist eine sehr grosse Frage.»
«Ja», sagte Lea. «Und sie führt direkt zur nächsten: Gibt es eine soziale Ordnung, in der man zusammenleben kann, ohne dass jemand das Recht hat, andere zu zwingen? Der alle freiwillig zugestimmt haben? Nicht als Utopie, sondern als konkretes Projekt?»
Bracher sah sie lange an.
Was die Statuten nicht zeigen
Dann trank er seinen Kaffee aus. «Zurück zur Arbeit — habt ihr schon mit den Genossenschaftsstatuten angefangen?»
«Einen Entwurf», sagte Lea. «Aber beim Lesen der drei vergleichbaren Genossenschaftsstatuten ist mir etwas aufgefallen.»
«Was?»
«Sie sind sich erstaunlich ähnlich. Vierzig bis sechzig Paragraphen. Mitgliedschaft, Generalversammlung, Vorstand, Buchhaltung, Auflösung. Alles, was es organisatorisch braucht.»
Jonas: «Vermisst du etwas darin?»
Lea legte drei ausgedruckte Dokumente auf den Tisch und schlug eines auf. «Hier zum Beispiel — Paragraph 47 einer der Statuten: 'Die Mitglieder verpflichten sich zu kollegialem Verhalten und gegenseitiger Rücksichtnahme.' Ein Satz. Auf Seite achtzehn. Eingebettet zwischen Beitragspflichten und Auflösungsverfahren. Niemand liest das. Und wenn ein Konflikt eintritt, sagt dieser Satz nichts, was nicht jeder sowieso wusste.»
Nora: «Aber genau das ist es doch, was eine Kooperative ausmacht: wie die Mitglieder miteinander umgehen. Wer am Werkzeugpool, an der Lagerfläche, am Empfehlungsnetzwerk teilhat, ist mit den anderen verbunden.»
«Genau. Und das taucht in den Statuten praktisch nicht auf. Sie regeln die Organisation aber nicht das Verhalten der Mitglieder zueinander.»
Bracher: «Das ist auch historisch erklärbar. Statuten sind das, was der Staat verlangt, damit eine Genossenschaft als Rechtsperson existieren kann — Mitgliederliste, Vorstand, Kapital, Verfahren. Das Beziehungsmässige wird meistens der täglichen Praxis überlassen. Das geht auch gut, solange die Genossenschaften klein sind oder die Mitglieder sich schon lange kennen und sich vertrauen können.»
Lea: «Wir sind nicht klein und kennen einander nicht von Kind auf. Wir bringen unterschiedliche Betriebe zusammen, die sich teils nie zuvor begegnet sind. Da kann man sich nicht nur auf das Vertrauen verlassen.»
Jonas: «Stimmt, wir sollten die Regeln für die Beziehung der Mitglieder untereinander klarer formulieren. Aber wer liest das dann wirklich, wenn die Statuten schon so umfangreich und - sorry - langweilig sind? Sollten wir das nicht lieber in einen separaten Vertrag schreiben?»
«Gute Idee. Ein eigenes, verständlich geschriebenes Dokument, das jedes Mitglied beim Eintritt bewusst durchgeht und unterschreibt. Das wirkt anders.»
«Eine Verpflichtungserklärung gegenüber den anderen Mitgliedern, die man tatsächlich liest und versteht. Statuten sind das, was das Handelsregister braucht. Dieses Dokument ist das, was die Gemeinschaft braucht.»
Bracher hob die Hand. «Eine Anmerkung dazu.»
«Sag.»
«Rechtlich gibt es keinen Unterschied. Wer der Genossenschaft beitritt, unterzeichnet, was die Genossenschaft als Beitrittsbedingung definiert.»
Lea: «Richtig, rechtlich ist es dasselbe.»
«Dieselben Personen, derselbe Zeitpunkt. Aber ihr könnt einen Teil davon herausheben und dadurch besser sichtbar machen.»
Nora schrieb. «Was würde in dieser Erklärung stehen?»
Jonas überlegte. «Drei Themen. Erstens: Prinzipien. Wie wollen wir kooperieren, wie lösen wir Konflikte? »
«Das klingt fast wie eine Verfassung.»
«Naja, eine Verfassung, die die Beziehungen zwischen den Mitgliedern klärt.»
«Zweitens?»
«Was die Mitglieder einander schulden. Sorgfalt mit gemeinsamen Ressourcen — dem Werkzeugpool, der Lagerfläche, allem, was wir gemeinsam tragen. Ehrlichkeit bei Beschädigungen. Die Verpflichtung, die eigenen Möglichkeiten nicht zu nutzen, um andere Mitglieder zu schädigen — nicht direkt und auch nicht über Umwege.»
Bracher: «Das ist die Anti-Haas-Klausel.»
Lea: «Stimmt. Und drittens?»
«Was geschieht, wenn ein Konflikt eskaliert? Rufen wir ein Schiedsgericht an? In welchen Schritten eskaliert eine Sanktion? Wann muss jemand austreten?»
Stille.
«Wie nennen wir das?», fragte Nora.
«'Verhaltenskodex' klingt nach Personalabteilung. 'Mitgliedervereinbarung' klingt nach Vertragsanhang.»
Bracher: «Die Sache braucht einen Namen, der ihr Gewicht gibt. Wenn sie das Selbstverständnis der Kooperative trägt, darf sie nicht klingen wie ein Beipackzettel.»
Nora schaute auf. «'Bürgervertrag?'»
Stille.
«'Bürger' im alten Sinn», sagte sie. «Wer einer Stadt angehört, weil er zugezogen ist. Mit Rechten und Pflichten gegenüber den anderen Bürgern. Nicht 'citoyen', nicht 'civis' sondern jemand, der mitträgt, weil er sich dafür entschieden hat.»
Lea schrieb das Wort in ihr Notizheft. «Bürgervertrag.» Sie schaute hoch. «Warum nicht.»
Jonas: «Cécile hatte etwas Ähnliches erwähnt. Bei dem Mann aus dem Jura.»
«Cernedoux», sagte Lea. «Sie will ihn ja einladen. Dann sehen wir, ob wir dasselbe meinen.»
«Wenn es dasselbe ist», sagte Bracher, «ist das ein gutes Zeichen. Wenn zwei Gruppen unabhängig zur selben Lösung kommen.»
Ökonomische Abhängigkeit ist nicht Zwang
Er stand auf. Bevor er seinen Mantel nahm, stellte Lea noch eine Frage.
«Du hast 15'000 Franken, Ich habe die nicht. Bin ich deshalb in deiner Gewalt? Wenn du sagst: 'Du kriegst das Geld nur, wenn du X tust' — und X ist etwas, das ich nicht will — dann kann ich nein sagen. Ich gehe ohne das Geld weg. Schlechter als ich es mir erhofft hatte. Aber nicht schlechter als vor unserem Gespräch.»
Bracher: «Und wenn ich dir etwas wegnehme, das dir gehört?»
«Dann ist es natürlich falsch.» Lea sah ihn an. «Der Unterschied: Angebot und Ablehnung — das ist Markt. Drohung und Wegnehmen — das ist Zwang. Auch wenn beides 'Abhängigkeit' erzeugen kann.»
«Das», sagte Jonas, «wird in politischen Debatten ständig verwechselt.»
«Ja», sagte Bracher. «Und diese Verwechslung hat Konsequenzen.»
Er zog seinen Mantel an. «Ich gebe euch die 15'000 Franken», sagte er. «Kein Veto. Und in einer Genossenschaft gilt ohnehin, dass jeder nur eine Stimme hat.»
«Das», sagte Jonas, «lassen wir uns von Cécile Ruf formulieren.»
Bracher lächelte — ein kleines Lächeln. «Natürlich.»
Die Unterscheidung zwischen Zwang und ökonomischer Abhängigkeit ist wichtig — und sie schützt davor, den Begriff «Kratik» zu verwässern. Aber sie beantwortet eine andere Frage nicht.
Ob eine Ordnung, in der viele Menschen nur zwischen wenigen schlechten Optionen wählen können, eine ‘gute’ Ordnung ist — das ist keine ökonomische Frage. Es ist eine moralische. Die Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung formuliert es knapp: ‘Die Stärke des Volkes bemisst sich am Wohle der Schwachen.’ Eine katallaktische Ordnung, die diesen Massstab ernst nimmt, begnügt sich nicht damit, expliziten Zwang zu minimieren. Sie fragt auch, ob die Optionen, zwischen denen Menschen wählen, zumutbar sind. Und was getan werden kann, sie zu verbessern. Auf freiwilliger Basis. Weil sonst mehr verloren geht als gewonnen wird.
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Zwischenbilanz — Phase I: Das Wort finden
Lea, Jonas und Nora haben jetzt eine Sprache. Sie wissen, was Katallaktik und Kratik bedeuten. Sie können beschreiben, was Haas getan hat — und was sie selbst getan haben. Sie können Vermögen (das katallaktische Potenzial) von Macht (dem kratischen) unterscheiden und Herrschaft von Einfluss. Sie wissen, woraus die Kooperative bestehen wird: aus einer Einkaufsgemeinschaft, einem geteilten Werkzeugpool mit Lagerfläche, einem Empfehlungsnetzwerk. Und sie haben einen Begriff für diese Konstruktion: der Bürgervertrag — die Verfassung der Beziehungen.
Etwas benennen zu können, ist eine Voraussetzung dafür, es bewusst zu gestalten. Was aus dieser Sprache wird, zeigt Phase II.
Die Kooperative braucht Regeln. Der Bürgervertrag braucht Klauseln.
Im nächsten Kapitel Wie entstehen Regeln? Elinor Ostrom, Schweizer Alpgenossenschaften... Und ein zweiter Anlauf zum Bürgervertrag: Wer schreibt was hinein?