Wie wir zusammenleben III-4 13 Min.
Wie entstehen Regeln?
Das Treffen fand an Noras Küchentisch statt, am Mittwoch, kurz nach sieben. Drei Laptops, ein Stapel ausgedruckter Seiten, zwei Kaffees und ein Glas Wasser. Jonas hatte mitgebracht, was er noch nicht beantworten konnte.
«Wer entscheidet, wer in die Kooperative kommt?»
Kurze Pause.
«Die Mitgliederversammlung», sagte Lea.
«Und welche Kriterien hat die Mitgliederversammlung?»
«Die, die wir in die Satzung schreiben.»
«Und wenn jemand nicht aufgenommen wird, der das möchte?»
«Die Kooperative hat das Recht, einen Aufnahmeantrag abzulehnen. Sie ist ein privater Zusammenschluss.»
«Das klingt gut», sagte Jonas. «Und gleichzeitig unfair.»
Nora, ohne aufzusehen: «Das ist dasselbe wie bei einem Verein. Du kannst nicht einfach in jeden Verein. Das ist normal.»
«Ich weiss. Aber ich will, dass wir das bewusst entscheiden. Nicht weil es normal ist.»
Lea sah ihn an. «Das hat einen Namen.» Sie schob einen der ausgedruckten Stapel über den Tisch. «Ich hab letzte Woche etwas gelesen.»
Ostroms Frage
Auf dem Stapel stand oben: Governing the Commons. Elinor Ostrom, 1990.
«Ostrom hat sich ihr Leben lang mit einer einzigen Frage beschäftigt», sagte Lea. «Wie können Menschen, die sich eine Ressource teilen, sie dauerhaft erhalten — ohne dass der Staat es für sie regelt?»
«Zum Beispiel?», fragte Jonas.
«Wälder. Fischereigebiete. Wasser. Weideland. Dinge, die alle nutzen, aber niemand alleine besitzt. Englisch: Commons. Schweizerisch: Allmende.»
«Das ist genau das, was Bracher gemeint hat», sagte Jonas. «Der Werkzeugpool. Die Lagerfläche. Die Bereich, bei dem es kompliziert wird.»
«Genau. Die Sammelbestellung ist keine Allmende — viele bilaterale Geschäfte. Aber der Werkzeugpool ist eine. Ostrom hat sich mit genau dieser Sorte von Problemen beschäftigt: Wie hält man eine Allmende am Leben, ohne dass sie vergessen, übernutzt oder zerstört wird?»
«Und?», fragte Jonas.
«Die Standardantwort lautete: Das funktioniert nicht. Entweder es wird durch Privateigentum geregelt oder der Staat regelt es. Ostrom hat gezeigt, dass das nicht stimmt — es gibt eine dritte Möglichkeit.»
«Welche?»
«Freiwillige Institutionen. Mit klaren Regeln, die die Betroffenen selbst entwickelt haben. Und die oft über Jahrhunderte hinweg gut funktionieren.»
Jonas nahm das Blatt. «Und hat sie sich überlegt, wovon deren Erfolg abhängt?»
«Ja — es gibt acht Prinzipien.» Lea hatte eine handschriftliche Liste dabei. «Ich lese sie vor und wir überlegen, was davon auf uns zutrifft — und was nicht.»
«Gut.»
Acht Prinzipien — und was sie taugen
«Erstes Prinzip: Klar definierte Grenzen. Wer gehört zur Gemeinschaft — und was gehört zur gemeinsamen Ressource? Beides muss geklärt sein.»
«Mitglieder», sagte Jonas sofort, «und geteilter Werkzeugpool plus Lagerfläche. Das ist klar.»
«Aber eben: Wer ist Mitglied? Das ist noch nicht klar.»
«Genau das ist mein Problem.» Jonas zog das Blatt näher. «Wir brauchen ein Kriterium. Und jedes Kriterium hat ein Problem.»
«Zum Beispiel?»
«Nur Arler Betriebe: Was ist mit jemandem, der aus Umiken kommt und eintreten möchte? Nur Gewerbetreibende: Was ist mit jemand, der noch studiert? Nur Betriebe mit eigenem Werkzeug: Was ist mit diejenigen, die keins haben?»
«Das», sagte Lea, «ist das klassische Problem der Grenzziehung. Ostrom sagt: Es gibt keine perfekte Grenze. Aber es muss eine geben. Und die Betroffenen müssen sie mitentschieden haben.»
«Verstehe - dann gehen wir jetzt direkt zum dritten Prinzip», sagte Jonas.
«Drittes Prinzip: Mitsprache. Wer von den Regeln betroffen ist, darf an ihrer Gestaltung mitwirken.»
«Dann müssen wir die Kriterien zusammen festlegen.» Jonas machte eine Notiz. «Weiter.»
«Zweites Prinzip: Regeln passen zur lokalen Situation. Keine Universallösung — was in Arlen gilt, muss für Arlen passen.»
«Das ist einfach. Wir bauen das hier, nicht anderswo. Weiter.»
«Viertes Prinzip: Wirksame Überwachung. Jemand prüft, ob die Regeln eingehalten werden — und diese Person ist entweder rechenschaftspflichtig oder selbst Mitglied.»
«Wer überwacht, ob jemand das Werkzeug zurückgibt — und in welchem Zustand?»
«Du», sagte Nora.
«Ich hab schon einen Betrieb zu führen.»
«Rotierende Kontrolle», sagte Lea. «Jedes Mitglied ist einmal pro Quartal dran. Mit Übergabeprotokoll.»
Jonas schrieb es auf. «In Ordnung. Fünf.»
«Fünftes Prinzip: Gradierte Sanktionen. Erste Verletzung: Verwarnung. Wiederholung: Bussenzahlung. Schwere oder wiederholte Verletzung: Ausschluss.»
Jonas sah auf. «Was, wenn jemand etwas aus dem Werkzeugpool kaputt macht — und es dann leugnet?»
Kurze Stille.
«Ostrom hat dafür eine Antwort», sagte Lea. «Gradierte Sanktion. Erste Stufe: Verwarnung. Wiederholung: Busse. Bei systematischer Verletzung: Ausschluss.»
«Wenn man's nachweisen kann.»
«Wenn man's nachweisen kann.»
«Und wenn nicht?»
«Dann hat die Genossenschaft den Schaden. Jedes Mitglied trägt einen Anteil. Das ist die Logik einer Allmende — nicht jeder Einzelfall lässt sich aufklären, aber das System trägt einen gewissen Verlust, ohne zu kippen.»
Jonas nickte langsam. «Das funktioniert. Aber es gibt eine andere Sache, an der ich hängengeblieben bin.»
«Welche?»
«Stell dir vor: Ein Mitglied benutzt die Pool-Werkzeuge, um Aufträge auszuführen, die einem anderen Mitglied direkt Kunden wegnehmen. Offen, nicht heimlich. Es bricht keine Regel — die Werkzeuge dürfen für Aufträge benutzt werden, dafür sind sie da. Aber das passt nicht zu dem, was wir als Kooperative sein wollten.»
Stille.
«Das ist kein Ostrom-Problem», sagte Jonas. «Das ist ein Beziehungsproblem. Und Ostrom hat dafür keine Antwort.»
Lea nickte langsam. «Du hast recht. Ostrom löst Allmende-Probleme — wer darf die Alp nutzen, wie viele Tiere, wann, in welcher Reihenfolge, was passiert, wenn jemand mehr schickt als vereinbart. Das löst Ostrom. Aber wie zwei Mitglieder einander begegnen — was sie einander schulden, jenseits der Pool-Regeln —, das ist auf einer anderen Ebene.»
«Das gehört in den Bürgervertrag», sagte Jonas. «Nicht in die Satzung, nicht in die Reglemente für den Werkzeugpool. In den Teil, der regelt, wie wir miteinander umgehen.»
«Genau.»
Jonas legte den Stift hin. «Dann ist der Bürgervertrag eigentlich wichtiger als die Satzung.»
Lea schrieb etwas auf. «Das ist richtig. Und es ist auch der Grund, warum wir den Bürgervertrag zuerst entwerfen sollten — und die Satzung danach. Wenn man weiss, wie die Mitglieder einander begegnen wollen, weiss man auch, welche Form und welche Regeln wir brauchen. Umgekehrt funktioniert es nicht.»
Weiter durch Ostroms Liste
Jonas nahm das Blatt wieder. «Sechstes.»
«Sechstes Prinzip: Konfliktlösungsmechanismus. Wenn Mitglieder streiten, gibt es ein Verfahren — einfach, billig, für alle zugänglich.»
«Schiedsgericht», sagte Jonas. «Intern. Bevor wir ein staatliches Gericht einschalten.»
«Genau. Und das gehört in den Bürgervertrag, nicht in die Satzung.» Lea machte eine Notiz.
«Siebtes Prinzip: Externe Anerkennung. Die übergeordnete Ordnung erkennt das Recht der Gemeinschaft an, sich selbst zu regeln.»
«Was bedeutet das für uns?», fragte Jonas.
«Hm, wir sind hier in der Schweiz, in unserem Kanton. Die Genossenschaft muss eingetragen sein. Das ist der Moment, wo bei uns der Staat ins Spiel kommt.»
«Und das achte Prinzip?»
«Achtes Prinzip: Verschachtelte Einheiten. Bei grösseren Systemen: kleinere Einheiten, die in grössere eingebettet sind.»
«Das ist für uns jetzt nicht relevant», sagte Jonas.
«Nein, noch nicht.»
Die Alpgenossenschaft
Nora schrieb und hatte bis jetzt wenig gesagt. Nun legte sie die Hände flach auf den Tisch.
«Ich hab etwas für den Artikel gelesen. Über die Schweizer Alpgenossenschaften.»
«Was steht da?», fragte Jonas.
«Das sind Gemeinschaften, die ihre Alpweiden gemeinsam bewirtschaften — seit über fünfhundert Jahren. Wer wie viele Kühe auf die Alp treiben darf, wann, in welcher Reihenfolge, was passiert, wenn jemand zu viele schickt. Alles geregelt, alles dokumentiert, alles freiwillig. Kein Staatsapparat, der es durchsetzt. Reputationsdruck, Gegenseitigkeit, gemeinsame Geschichte.»
«Fünfhundert Jahre», sagte Jonas.
«Fünfhundert Jahre. Ohne Zentralbehörde.»
Jonas sah auf Ostroms Prinzipienliste. «Alle acht erfüllt, nehme ich an.»
«Fast alle. Und das über Generationen, weil die Regeln nie von aussen aufgezwungen wurden — die Betroffenen haben sie selbst entwickelt und weitergegeben.»
«Warum machen das nicht alle so?», fragte Jonas. «Mit allem, nicht nur mit Alpen.»
Lea überlegte kurz. «Weil es schwer ist», sagte sie. «Es braucht Zeit, gemeinsame Geschichte, gegenseitiges Kennen. Und es braucht den Willen, Konflikte selbst zu lösen, ohne jemand anderen damit zu beauftragen.»
«Und weil es einfacher ist», sagte Nora, «jemanden zu bitten, es für einen zu erzwingen.»
Stille.
«Das», sagte Jonas, «sollte in die Einleitung.»
«Ich hab schon mal», sagte Nora, «drei Versionen der Einleitung entworfen. Soll ich sie vorlesen?»
Institution und Organisation — ein Unterschied, der zählt
Nora las die drei Versionen vor — Lea bevorzugte die zweite, Jonas wollte Elemente aus der ersten. Lea tippte etwas in ihrem Laptop.
«Es gibt noch einen Begriff, den wir klären sollten», sagte sie. «Institution und Organisation. Die werden oft verwechselt.»
«Was ist der Unterschied?»
«Eine Institution ist ein Regelsystem — formal oder informal. Eine Organisation ist eine Gruppe von Personen, die in diesem Regelsystem handeln. Ostrom interessiert sich für Institutionen, nicht für Organisationen. Für die Frage: Welche Regeln gelten in einer Institution?»
«Das heisst», sagte Jonas, «wir könnten alle ausgewechselt werden — Lea, Jonas, Nora, alle Mitglieder neu — und wenn die Regeln dieselben bleiben, ist es dieselbe Institution.»
«Exakt. Das ist auch das Geheimnis der Alpgenossenschaft. Die Mitglieder wechseln seit fünfhundert Jahren. Die Institution bleibt.»
Nora schloss ihren Laptop halb. «Das heisst, wir bauen eigentlich etwas, das grösser ist als wir.»
«Ja», sagte Lea. «Wenn wir es richtig machen.»
Jonas rollte seine Notizzettel zusammen. «Dann machen wir es richtig.» Er stand auf. «Ich muss morgen früh raus. Aber eines noch.» Er sah Lea an. «Die Satzung — wer schreibt die?»
«Ich würde Cécile Ruf darum bitten», sagte Lea. «Aber wir liefern den Inhalt. Und Nora schreibt die Einleitung.»
«Und der Bürgervertrag?»
«Der kommt zuerst. Aber bevor wir ihn entwerfen, brauchen wir jemanden, der uns ein Dokument zeigt, das wirklich funktioniert.»
Jonas nickte. «Valentin Schneider.»
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Im nächsten Kapitel Was macht eigentlich der Staat — und wie entstehen seine Gesetze? Jonas findet drei Stadtratsprotokolle, die ein Muster zeigen.