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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Wie wir zusammenleben III-9 15 Min.

Was wollen wir bauen?

Die Analyse hatte drei Wochen gedauert. Lea hatte angefangen, Jonas hatte bei den historischen Protokollen geholfen, Nora hatte die Struktur des Berichts aufgebaut.

Das Ergebnis: 43 lokale Reglemente, die der Arler Stadtrat zwischen 1998 und heute beschlossen hatte. Jedes einzelne gegen zwei Kriterien geprüft: erstens Verhältnismässigkeit — steht das, was die Regel einschränkt, in erkennbarem Verhältnis zu dem, was sie schützen soll? Zweitens Konsultation — wurden die betroffenen Gewerbe oder Bürger vorgängig angehört?

Vierzehn Reglemente bestanden beide Tests. Elf waren borderline — ein legitimes Schutzziel war erkennbar, aber das Mittel war unverhältnismässig oder die Konsultation unvollständig. 18 fielen durch.

Jonas legte drei Fälle gesondert auf den Tisch, mit Kontext.

Das erste: die Schaufensterbeleuchtungspflicht von 2019. Begründung: einheitliches Erscheinungsbild. Tatsächliche Wirkung: Betriebe ohne Ladenlokal waren nicht betroffen. Betriebe mit Ladenlokal mussten umrüsten. Wer die Petition eingereicht hatte: im Protokoll dokumentiert.

Das zweite: die Lagerflächenregel von 2021. Begründung: Lärmschutz und Wohnqualität. Tatsächliche Wirkung: ein einziger Betrieb in Arlen hatte Lagermaterial im Innenhof — direkter Konkurrent des Petitionsstellers. Der Nachweis einer Lärmbelastung fehlte im Protokoll vollständig.

Das dritte: die Velowartungsregel, aktuell. Begründung: Konsumentenschutz. Tatsächliche Wirkung: Zertifizierungskurse wurden von einem einzigen Anbieter in der Region durchgeführt.

Aber die Liste enthielt auch andere. Eine Regel aus 2003, die Preisanzeigen auf Marktständen in einer bestimmten Schriftgrösse und einem bestimmten Format vorschrieb — auf Antrag eines einzelnen Marktverkäufers. Eine Regel aus 2015 über Mindestlärmisolierung in Werkstatträumen über sechzig Quadratmeter, eingebracht nach einer Beschwerde eines Kommissionsmitglieds, dessen Wohnung über einer solchen Werkstatt lag. Eine Regel aus 2008 über Fahrradabstellplätze bei Neubauten — kantonal vorgeschrieben, lokale Umsetzung, bestand den Test.

Es war kein Bericht über Haas. Es war ein Bericht über einen Mechanismus. Haas war das deutlichste Beispiel aber nicht das einzige.

Cécile Ruf hatte den Bericht gelesen. «Das ist sauber», sagte sie. «Kriterien vorab festgelegt, mechanisch angewendet, kein Name im Titel. Das kann man nicht als Anklage bezeichnen.»

«Gut», sagte Lea. «Soll es ja auch nicht sein.»

Die Gründungsversammlung

Der Saal gehörte dem Gasthaus Kreuz, das der Kooperative den Raum zum Selbstkostenpreis überlassen hatte: Der Wirt war einer der Unterzeichner. Dreiundzwanzig Personen aus sieben Branchen: Velomechanik, Gastronomie, Handwerk, Detailhandel, Bäckerei, ein Fotograf, ein Schuhmachermeister.

Cécile Ruf hatte den Bürgervertrag in der Endfassung mitgebracht: vier Seiten, drei Anhänge, sorgfältig formatiert. Jonas hatte die Genossenschaftsstatuten und das Reglement für Werkzeugpool und Lagerfläche ausgedruckt. Nora führte das Sitzungsprotokoll.

Werner Haas sass am Ende des Tischs, neben dem Schuhmachermeister, mit dem er seit Jahren bekannt war. Kein Anwalt diesmal dabei.

Die Sitzung dauerte vierzig Minuten. Cécile Ruf erläuterte die wesentlichen Artikel. Zwei Fragen: eine technische zur Schiedsgerichtszusammensetzung, eine zur Kündigungsfrist. Beide wurden beantwortet.

Dann die Unterzeichnung. Die Liste ging von links nach rechts. Als sie bei Haas ankam, nahm er den Stift, las Art. 3 ein letztes Mal durch — ruhig, ohne Hast: «Zwangsminimierungsprinzip. Freiwillige Lösungen, privatautonome Vereinbarungen und gemeinschaftsbasierte Selbstorganisation haben Vorrang vor verpflichtenden Regelungen. Jede neue Verpflichtung bedarf einer nachvollziehbaren Begründung, muss verhältnismässig sein und darf nur eingeführt werden, wenn mildere Mittel nicht ausreichen.»

Dann unterschrieb er, legte den Stift auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Lea, die ihm gegenübersass, schrieb nichts darüber in ihre Notizen.

Am Nachmittag übergab Cécile Ruf dem Stadtrat per formellen Brief den Sunset-Bericht — dreiundzwanzig Seiten, mit Methodenbeschrieb und Empfehlungsliste. Keine Forderung. Kein Ultimatum. Eine Empfehlung und das Angebot, alles auf Wunsch zu erläutern.

Der Stadtratspräsident bestätigte den Empfang zwei Tage später per E-Mail.

Nomos und Thesis

Schneider schrieb am Abend der Gründungsversammlung an Jonas und Lea: Herzlich willkommen im Club der Leute, die etwas gebaut haben, das nie fertig ist.

Sie leiteten es an Nora weiter, ohne Kommentar.

Was in Arlen in diesen Monaten entstanden war, lässt sich mit einem Begriff beschreiben, den Friedrich August von Hayek geprägt hat: Nomos.

Hayek unterschied in Law, Legislation and Liberty (1973–79) zwischen zwei grundlegend verschiedenen Arten von Regeln. Thesis sind Regeln, die von einer Autorität gesetzt werden — legislativ, durch Beschluss, durch Planung. Nomos sind Regeln, die aus wiederholter Interaktion wachsen — durch Gewohnheit, durch Urteil, durch die Erfahrung, was funktioniert und was nicht.

Thesis ist schnell. Nomos ist langsam. Thesis ist präzise formuliert. Nomos ist oft implizit. Thesis kann von einer organisierten Gruppe für ihre Zwecke instrumentalisiert werden. Nomos nicht, weil es keinen zentralen Produktionsort gibt.

Der Arler Bürgervertrag ist Nomos, der in Thesis überführt wurde. Er wuchs aus Konflikten, Gesprächen, dem Cernedoux-Beispiel, Noras Recherchen, Jonas' Protokollfunden, Leas Analysen. Dann wurde er formalisiert und unterzeichnet. Das ist der richtige Weg: erst wachsen lassen, dann festschreiben.

Die achtzehn Arler Reglemente, die den Sunset-Test nicht bestanden hatten, waren das Gegenteil: Thesis ohne Nomos-Kern. Produziert auf Druck einzelner, ohne Rückkopplung an die gesellschaftliche Praxis. Sie hatten die Form von Recht — aber nicht seine Substanz.

Der Sunset-Mechanismus fragt: Hat diese Thesis Nomos-Qualität — ist sie aus einem echten gesellschaftlichen Bedürfnis entstanden? Oder ist sie Regelproduktion ohne Kern? Es gibt auch Zwischenformen. Aber meistens erkennt man gut den einen oder anderen Charakter.

Was Nora schrieb — und was Haas las

Noras Artikel erschien zehn Tage nach der Gründungsversammlung in der kantonalen Schülerzeitung. Sechzehnhundert Wörter, ohne Namen ausser dem öffentlich dokumentierten Stadtratsbeschluss. Titel: Wie Regeln entstehen, ohne dass jemand gefragt wird.

Er beschrieb den Mechanismus: kleine organisierte Gruppen, diffuse Betroffene, legislativer Kanal. Er beschrieb das Konsultationsprinzip als mögliche Antwort. Er stellte keine Forderungen.

Er wurde zweihundert Mal geteilt. Für eine Schülerzeitung nicht schlecht.

Drei Tage später kam eine Nachricht bei Nora an. Kein Name im Absenderfeld, aber die Adresse war über das Handelsregister auffindbar: "Ich habe Ihren Artikel gelesen. Das ist ein interessantes Thema. So hab ich mir das nicht überlegt, als ich den Antrag gestellt habe."

Nora schickte die Nachricht an Lea und Jonas.

Lea las sie zweimal. Dann legte sie das Handy auf den Tisch und trank ihren Kaffee fertig.

Die Kooperative hatte zehn aktive Mitglieder im Werkzeugpool, dreiundzwanzig Erstunterzeichner des Bürgervertrags und einen Sunset-Bericht mit achtzehn Empfehlungen, der beim Stadtrat lag. Lukas verwaltete die Werkzeugausgabe. Jonas machte samstags die Zertifizierungsausbildung. Die GmbH lief.

Bracher tauchte selten auf. Und wenn, dann mit einer Frage, nie mit einer Anweisung.

Valentin Schneider schickte gelegentlich kurze Nachrichten — Beobachtungen aus Cernedoux, manchmal eine Frage an die Arlener.

Nora schrieb weiter. Der nächste Artikel würde über das Schiedsgerichtsmodell gehen: was private Streitbeilegung kann und was nicht. Sie hatte schon eine Gliederung.

Lea hatte den Sunset-Bericht abgeschlossen. Aber das Kriterium war jetzt da, und es liess sich wiederverwenden. Alle drei Jahre, hatte die Kooperative entschieden. Nicht als politischer Aktivismus sondern als Routine.

Das war ein Anfang, der fortgesetzt werden musste.

An einem Donnerstagabend, als Lea noch in der Velostation sass und Jonas den Schrank abschloss, fragte sie ihn:

«Denkst Du auch manchmal daran zurück, wie das hier begonnen hat?»

Jonas hielt inne. Und strahlte über das ganze Gesicht.

Dann schloss er ab. Sie gingen in verschiedene Richtungen nach Hause.

Was wir in Staffel III gelernt haben

Kapitel 1: Was können Menschen eigentlich tun?

Autistisch, unilateral, katallaktisch, kratisch: vier Grundtypen menschlichen Handelns, die letzten beiden davon als Interaktion. Was eine Interaktion charakterisiert ist das, was passiert, wenn die andere Person ablehnt.

Kapitel 2: Was ist der Unterschied zwischen Angebot und Drohung?

Eine Handlung ist nur dann katallaktisch, wenn die andere Person nach einer Ablehnung so dasteht wie vorher. Sechs Optionen bestehen für die Reaktion auf eine kratische Drohung.

Kapitel 3: Was ist der Unterschied zwischen Vermögen und Macht?

Vermögen ist die Chance, den eigenen Willen durch Angebote durchzusetzen — das katallaktische Potenzial. Macht ist die Chance, ihn gegen Widerstand durchzusetzen — das kratische Potenzial. Webers Definition fasst beides zusammen; wir trennen nach dem Modus, nicht nach der Ressource. Dieselbe Ressource kann je nach Konstellation in beiden Modi wirken — der Status-quo-ante-Test entscheidet. Ökonomische Abhängigkeit ist kein Zwang.

Kapitel 4: Wie entstehen Regeln?

Institutionen sind Regelsysteme, keine Akteure. Ostroms acht Designprinzipien zeigen, unter welchen Bedingungen Allmenden, also gemeinsam genutzte Ressourcen, stabil funktionieren. Aber Ostrom erklärt nur, was zwischen Mitgliedern an der geteilten Ressource geschieht.

Kapitel 5: Was macht der Staat — und wie entstehen seine Gesetze?

Der Staat legitimiert sein Gewaltmonopol durch das Schutzversprechen, aber er finanziert sich kratisch. Legislativ gesetzte Regeln sind teurer in der Durchsetzung als freiwillig vereinbarte. Der Sunset-Mechanismus ist ein Dämpfer für die Gesetzesfabrik.

Kapitel 6: Gibt es mehr als eine Ordnung?

Eine Genossenschaft ist eine Gemeinde mit freiwilliger Mitgliedschaft. Die drei Instrumente helfen dabei, eine Ordnung katallaktischer zu machen. Der Bürgervertrag ist das, was der Gesellschaftsvertrag sein wollte: freiwillig unterzeichnet, einklagbar, mit Austrittsklausel.

Kapitel 7: Wann bricht eine Ordnung zusammen?

Legitimität und Enforcement sind kommunizierende Röhren. Was an Legitimität fehlt, muss durch Enforcement ersetzt werden. Kratische Institutionen können stabil sein, wenn ihr Mandat eng, transparent und konsistent ist. Olson erklärt, warum Gesellschaften mit einem Gewaltmonopol mit der Zeit ineffizienter werden.

Kapitel 8: Was ist eine gerechte Ordnung?

Eine Ordnung ist nicht automatisch gerecht, weil sie von einer Mehrheit getragen wird. Sie ist es, wenn sie die Freiheit aller achtet und Zwang nur einsetzt, wo er Zwang verhindert. Der kategorische Imperativ als Praxistest: Was passiert, wenn alle so handeln?

Kapitel 9: Was wollen wir eigentlich bauen?

Nomos, der in Thesis überführt wird: erst wachsen lassen, dann festschreiben. Eine ehrliches Regelsystem sagt, was sie kann und was nicht.

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Was bleibt

Lea, Jonas und Nora sind am Ende von Staffel III nicht fertig. Das ist richtig so.

Sie haben viel erlebt und auch eine Sprache gelernt für das, was sie erlebt haben.

Was Staffel I startete — die Frage, was man will und wie man es zweckmässig erreicht — wurde auf vielerlei Art beantwortet. Staffel III rundet mit einer besonderen Antwort ab: indem man Ordnungen aufbaut, die auf Freiwilligkeit beruhen, transparent sind und gepflegt werden müssen. Nicht weil das einfach ist, sondern weil es — das ist die These dieses Buchs — einer der tragfähigsten Wege ist, die auf Dauer tragen und den Menschen nützen.

Haas hat unterschrieben. Haas hat Nora geschrieben. Das ist ein Riss — und Risse in Monolithen können zu etwas Grossem werden.

Werner Haas baut gerade sein Geschäft um. Er macht, was er immer gut konnte aber jetzt fokussiert auf Kunden, die es zu schätzen wissen. Die Velostation wächst weiter. Jonas lernt samstags. Nora schreibt. Lukas wartet die Cargo-Velos. Lea überlegt.

Und irgendwo im Jura hält Valentin Schneider die Cernedoux-Genossenschaft in Gang.