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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Wie wir zusammenleben III-8 16 Min.

Was ist eine gerechte soziale Ordnung?

Nora hatte den Artikel in drei Wochen geschrieben. Viermal umgebaut. Zweimal von vorn angefangen. Jetzt war er stimmig. Sie schickte ihn Lea und Jonas, die nach einer halben Stunde antworteten: Sehr gut. Und wann veröffentlichst du?

Aber bevor sie ihn schickte, bat sie Cécile Ruf darum, ihn zu lesen.

Die las ihn in Noras Beisein, ohne ein Wort. Zwölf Minuten. Dann legte sie ihn auf den Tisch.

«Du beschreibst, was falsch ist», sagte sie. «Präzise, fair, ohne Schuldzuweisung. Das ist gut.»

«Aber?»

«Kein Aber. Eine andere Frage: Was würdest du einsetzen, um es zu ändern?»

«Ich schreibe den Artikel.»

«Das ist ein Mittel. Was ist das Ziel?»

Nora überlegte. «Dass es nicht nochmals passiert. Dass Leute, die von einer Regulierung betroffen sind, das wissen. Bevor der Beschluss gefasst ist.»

«Und wenn der Artikel das nicht erreicht?»

«Dann war er trotzdem richtig.»

«Warum?»

Nora dachte länger nach als erwartet. «Weil Transparenz ein Wert ist. Unabhängig davon, ob sie Wirkung zeigt. Wer etwas weiss, kann entscheiden. Wer nichts weiss, kann es nicht.»

Cécile Ruf sah sie an. «Das ist eine ethische Antwort, keine strategische.»

«Ja», sagte Nora. «Das stimmt.»

Cécile Ruf schob den Artikel zurück. «Dann veröffentliche ihn.»

Der erste Verhandlungstisch

Bracher hatte Werner Haas dazu gebracht, sich zu öffnen. Nicht durch Konfrontation sondern durch ein Telefongespräch unter Gewerbetreibenden, ruhig, ohne Vorwürfe. Er hatte Haas erklärt, was auf dem Tisch lag: die Koalition der Arler Betriebe, Genossenschaft und Bürgervertrag als möglicher Ausweg.

«Ich hab ihm gesagt», erzählte Bracher später, «dass er nicht verlieren muss. Er muss nur aufhören zu spielen.»

Haas kam. Er kam nicht alleine — er hatte seinen Anwalt mitgebracht, der schwieg und notierte. Er setzte sich, ohne zu grüssen, und sah die Unterlagen an, die Lea auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

«Ich kenne das Zwangsminimierungsprinzip», sagte er nach einer Weile. «Das ist kein Problem für mich. Ich will keine Regeln, die ich nicht brauche.»

«Du hast drei beantragt», sagte Lea.

«Ich hab drei beantragt, weil es diese Regeln gebraucht hat. Es gab jeweils einen konkreten Anlass.»

Stille. Dann: «Was war der Grund für die Lagerflächenregel 2021?»

Haas sah sie an. «Das Brenner-Geschäft hatte Liefermaterial auf dem Innenhof gestapelt. Das hat die Wohnqualität der Anwohner beeinträchtigt.»

«Es hat auch Brenners Kosten gesenkt, weil er keinen Lagerraum mieten musste. Und Brenner war dein direkter Konkurrent.»

«Das ist kein Geheimnis.»

Cécile Ruf unterbrach. «Herr Haas, die Frage ist nicht, ob das, was Sie getan haben, legal war. Das war es. Die Frage ist, welche soziale Ordnung in Arlen gelten soll — und ob Sie Teil davon sein wollen.»

Haas sah auf die Bürgervertragsklauseln. «Was verhindert, dass jemand anderes dieselbe Methode anwendet — auch wenn ich unterschreibe?»

«Das Konsultationsprinzip», sagte Jonas. «Wer einen Regulierungsantrag stellt, der spezifische Gewerbe betrifft, muss die Betroffenen vorgängig informieren. Dreissig Tage Frist.»

«Das ist keine Garantie.»

«Nein. Aber es macht das Verfahren sichtbar. Was sichtbar ist, kann diskutiert werden. Was diskutiert wird, ist schwerer zu instrumentalisieren.»

Haas' Anwalt schrieb etwas auf. Haas selbst sah auf das Blatt, lange. Dann: «Ich brauche eine Woche.»

«Die haben sie», sagte Cécile Ruf.

Nachdem Haas und sein Anwalt gegangen waren, blieb Bracher noch einen Moment. Er wartete, bis die Schritte auf der Treppe verklungen waren.

«Er hat mir letzte Woche etwas gesagt», sagte er. «Ich hab es noch nicht erwähnt, weil ich mir nicht sicher war, ob er es wollte. Aber ich denke, ihr solltet es wissen.»

Er sah Jonas an. «Er richtet sich gerade neu aus. E-Bike-Systeme, Versicherungsarbeit, hochpreisige Revisionen. Langjährige Kundschaft, die er seit Jahren kennt. Das Abo-Modell interessiert ihn nicht mehr. Er sagt, das sei nicht sein Markt.»

Jonas schwieg einen Moment. «Das hatten wir nicht im Kalkül.»

«In seinem schon.» Bracher nahm seine Jacke. «Er hat den Krieg gegen das falsche Ziel geführt. Irgendwann hat er das bemerkt.»

«Und der Bürgervertrag?»

«Im Premium-Segment braucht man Verlässlichkeit und stabile Rahmenbedingungen. Keinen Regulierungsrummel, der einen immer wieder auf die falsche Ebene zieht.» Bracher zog die Jacke an. «Er wird unterschreiben.»

Die Enforcement-Frage

Nachdem Haas gegangen war, stellte Cécile Ruf die Frage, die Jonas erwartet hatte.

«Art. 10 — die Verstossfolgen. Was ist eure letzte Eskalationsstufe, wenn jemand Art. 3 verletzt? Das Zwangsminimierungsprinzip steht. Aber was passiert, wenn ein Mitglied trotzdem eine Petition ohne Konsultation einreicht?»

Jonas: «Erste Stufe: Erinnerung. Zweite: öffentliche Rüge im Protokoll. Dritte: Aussetzung der Mitgliedschaftsrechte. Vierte: Ausschluss.»

«Wer entscheidet über die Dritte und Vierte?»

«Das Schiedsgericht.»

«Und wenn jemand den Ausschluss nicht akzeptiert? Wenn er sagt: Ich bin nicht mehr Mitglied, ich bin aber trotzdem hier und ich benutze eure Ressourcen nicht mehr — aber meine Verbindungen im Stadtrat habe ich noch?»

Stille.

«Das», sagte Lea, «können wir nicht verhindern.»

«Nein», sagte Cécile Ruf. «Das ist die Grenze des Modells. Eine freiwillige Institution kann niemanden zwingen, ihr grundlegendes Prinzip zu respektieren. Sie kann nur bestimmen, wer ihre Ressourcen und ihre Gemeinschaft nutzt. Wer draussen ist, ist draussen. Was er ausserhalb tut, bleibt unberührt.»

Jonas: «Das heisst, der Bürgervertrag löst das Problem nicht vollständig.»

«Nein. Er macht es sichtbar. Das ist viel. Aber es ist nicht vollständig.» Cécile Ruf lehnte sich zurück.

Lea: «Dann schreiben wir in die Präambel: Dieser Bürgervertrag begründet Rechte und Pflichten ausschliesslich zwischen den unterzeichnenden Parteien. Er begründet weder Ansprüche gegenüber Nichtunterzeichnenden noch beschränkt er deren Handlungsfreiheit.»

«Das», sagte Cécile Ruf, «ist eine sehr gute Präambel.»

Jonas liess noch nicht locker. «Es gibt eine Sache, die mich stört. Was ist mit Dingen, die alle brauchen und von denen man niemanden ausschliessen kann — die Feuerwehr, die Verteidigung? Wenn keiner zahlen muss, zahlen dann nicht zu wenige? Jeder hofft, die anderen machen es.»

«Ein echtes hartes Problem», sagte Cécile Ruf. «Es heisst Trittbrettfahrer-Problem. Bei ein paar Dingen, von denen sich niemand ausschliessen lässt, kann freiwillige Finanzierung tatsächlich weniger einbringen als es optimal wäre.»

«Also braucht es doch einen Zwang.»

«Nicht so schnell. Denn es gibt eine zweite Sorte Trittbrettfahren — und die ist meist schlimmer.» Cécile Ruf zeichnete einen Kreis auf ihr Blatt. «Stell dir einen grossen gemeinsamen Topf vor, aus dem alle nehmen und der von allen finanziert wird. Dann lohnt es sich für jeden Einzelnen, mehr herauszunehmen und weniger einzuzahlen. Und das wächst ohne Grenze, wenn niemand den Topf verlassen kann. Das Feuerwehr-Problem ist klein — und es schrumpft, je besser wir uns organisieren. Das Topf-Problem ist gross, und es kann leicht wachsen.»

Jonas sah auf den Kreis. «Und der Staat?»

«Der Staat ist der grosse Topf», sagte Cécile Ruf. «Für Güter, von deren Nutzung man wirklich nicht ausschliessen kann, gibt es keine perfekte Antwort. Aber ‘dann macht es eben der Staat’ ist nicht die automatisch richtige Lösung. Man muss beide Trittbrettfahrer gegeneinander abwägen, die bei Freiwilligkeit und die beim grossen Topf.»

Die Frage, die Lea nicht losgelassen hatte

Es war das Ende des Gesprächs. Nora packte ihren Laptop ein. Jonas kontrollierte die Uhrzeit — er hatte noch zwanzig Minuten, bevor er in den letzten Zug musste.

Er sagte: «Ich habe noch eine Frage.»

Cécile Ruf wartete.

«Die Sammelbestellung beim Lieferanten — der Marktangriff auf Haas' Ersatzteilmarge. Wir haben ihn als katallaktisch bezeichnet: Wettbewerb, legal, kein Regulierungsantrag. Das stimmt strukturell.» Er zögerte. «Aber wir haben ihn eingesetzt, um Haas zu einem Verhalten zu bewegen, das er ohne diese Drohung nicht gewählt hätte. Wir haben ihn unter Druck gesetzt. War das ethisch?»

Cécile Ruf sah ihn an.

«Kant würde fragen: nach welcher Maxime habt ihr gehandelt — und könntet ihr wollen, dass alle so handeln? Die Maxime war: Wenn jemand uns durch den kratischen Mechanismus schadet, verstärken wir unsere Marktposition, um die Verhandlungslage zu verschieben. Könnt ihr wollen, dass alle so handeln?»

Lea: «Ja. Das würde bedeuten, dass Marktmacht den politischen Mechanismus ersetzt. Das wäre gut. Was wir getan oder vielmehr angedroht haben, war Wettbewerb. Wir haben keinen Schaden angedroht sondern eine eigene Stärke aufgebaut.»

Cécile Ruf tippte auf den Tisch. «Das ist der Unterschied: Eine echte Drohung ist das Versprechen eines Schadens. Wettbewerb ist das Versprechen einer besseren Alternative für die eigenen Kunden. Haas hat das als Druck empfunden — aber das macht es nicht zur echten Drohung.»

Jonas: «Wir haben ihn nicht schlechtergestellt. Wir haben uns verbessert.»

«Genau. Das ist der Status-quo-ante-Test: Hat er danach schlechter dagestanden als vorher? Nein. Er hatte nur eine stärkere Konkurrenz. Das ist Markt.»

Lea schrieb sich das auf.

Kant, Rawls und die Frage der Legitimität

Was Cécile Ruf in den letzten Gesprächen immer wieder gestreift hatte, verdient an dieser Stelle eine genauere Betrachtung: Wann ist eine Ordnung legitim — nicht nur funktional oder mehrheitlich akzeptiert, sondern wirklich gerechtfertigt?

Kants Antwort aus der Metaphysik der Sitten ist die engstmögliche: Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit vereinigt werden kann. Übersetzt: Eine Regel ist legitim, wenn sie für alle gilt, die Freiheit aller achtet, und Zwang nur eingesetzt wird, um Freiheitseinschränkungen anderer zu verhindern.

Das klingt abstrakt. Konkret bedeutet es: Eine Regulierung, die Haas Wettbewerbsvorteile verschafft, indem sie Konkurrenten belastet, besteht den Kant-Test nicht. Sie schränkt die Freiheit anderer ein, ohne eine andere Freiheitseinschränkung zu verhindern. Sie ist wirksam aber, Kant zufolge, nicht legitim.

Der kategorische Imperativ als Praxistest: Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du willst, dass sie allgemeines Gesetz werde. Was passiert, wenn alle so handeln wie Haas — wenn jeder Gewerbetreibende in Arlen regelmässig Regulierungsanträge stellt, die dem Konkurrenten schaden? Das Ergebnis kennen wir: Es ist der Olson-Mechanismus. Systemerosion als kollektives Ergebnis individuell rationaler Handlungen.

John Rawls hat einen anderen Weg vorgeschlagen: den Schleier des Nichtwissens. Stelle dir vor, du müsstest die Regeln einer Gesellschaft festlegen, ohne zu wissen, welche Position du in ihr einnehmen wirst — reich oder arm, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, etablierter Betrieb oder Newcomer. Welche Regeln würdest du wählen? Rawls' Antwort: Solche, die auch den schlechtest Gestellten schützen. Auf Haas angewendet: Würde er die Konsultationspflicht wählen, wenn er nicht wüsste, ob er Petitionssteller oder Betroffener sein wird? Mit hoher Wahrscheinlichkeit ja.

Die drei Legitimitätskriterien, die aus diesen Überlegungen folgen: Erstens, Freiwilligkeit des Beitritts — wer einer Ordnung nicht zugestimmt hat, schuldet ihr weniger. Zweitens, Transparenz der Regeln — wer nicht weiss, was gilt, kann sich nicht fair verhalten. Drittens, Proportionalität der Sanktionen — die Konsequenz muss zur Verletzung passen, nicht zur Abschreckung aller anderen.

Der Arler Bürgervertrag versucht, alle drei zu erfüllen. Er ist nicht perfekt aber ein Anfang.

«Rawls lässt sich aber auch in eine andere Richtung drehen», sagte Lea.

Jonas sah sie an.

«Er fragt: Was wähle ich, wenn ich nicht weiss, welche Position ich haben werde? Daraus folgt: Schutz für die schwächste Position, Konsultationsprinzip, Proportionalität. Das haben wir. Aber man kann das Experiment auch anders ansetzen. Was wähle ich, wenn ich nicht weiss, mit wem ich Gemeinschaft teilen werde? Wenn ich nicht weiss, ob meine Gemeinschaft teilt, was ich für wichtig erachte?»

«Dann», sagte Jonas langsam, «will ich nicht nur Schutz vor dem Schlechtesten. Ich will auch die Möglichkeit, zu gehen.»

«Genau. Und zwar mit allem, was mir gehört. Also auch das Recht, mein Haus und Grundstück aus der Gemeinschaft herauszulösen - ein Sezessionsrecht, individuell.» Lea legte den Stift hin. «Rawls zeigt in beide Richtungen. Der Schleier des Nichtwissens schützt gegen schlechte Gemeinschaften. Und er begründet das Recht, eine schlechte Gemeinschaft vollständig zu verlassen.»

Nora: «Das ist der Bürgervertrag mit Austrittsklausel.»

«Ja», sagte Lea. «Das hat Rawls wahrscheinlich nicht so gemeint. Aber es folgt aus seinem eigenen Argument.»

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Im nächsten Kapitel Die Gründungsversammlung. Haas nimmt teil. Lea analysiert die 43 Arler Reglemente. Noras Artikel erscheint. Und Werner Haas schreibt ihr eine kurze Nachricht.