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Lea & Jonas Handeln · Wirtschaft · Recht

Wie wir zusammenleben III-7 12 Min.

Wann bricht eine Ordnung zusammen?

Es war ein Dienstagnachmittag, ruhig in der Werkstatt, Lukas montierte eine neue Kassette an einem Pendlervelo. Jonas brachte ihm die richtige Grösse und fragte nebenbei, ob er noch Kontakt zu Kaspar habe — dem Mechaniker aus Aarburg, der im vergangenen Jahr Probleme bekommen hatte.

«Ja, der hat jetzt eine eigene Stelle», sagte Lukas, ohne aufzusehen. «Er war in einer Werkzeug-Kooperative, aber die ist auseinandergefallen.»

Jonas blieb stehen. «Wie auseinandergefallen?»

«Zu viel Stress mit den Regeln. Am Ende hat niemand mehr richtig mitgemacht aber die Verwaltungskosten liefen weiter. Dann hat jemand sein teures Gerät abgezogen — er fand, er zahle zu viel für zu wenig. Dann der Nächste. Dann war es vorbei.»

Lukas schraubte die Kassette fest. «Ich dachte nur, ihr sollt das wissen.»

Jonas nahm sein Handy und schrieb an Lea.

Das Enforcement-Paradox

Sie trafen sich am Abend in der Velostation, zu dritt — Nora war über Mittag dazugekommen und geblieben. Jonas erzählte, was Lukas gesagt hatte.

Lea hörte zu. «Das hat einen Namen.»

«Welchen?»

«Das Enforcement-Paradox. Je mehr du erzwingen musst, desto weniger funktioniert die Institution. Und je weniger sie funktioniert, desto mehr bist du versucht, noch mehr zu erzwingen.»

Jonas: «Erkläre.»

«Eine Institution funktioniert, solange die meisten Mitglieder ihre Regeln freiwillig befolgen: nicht weil sie müssen, sondern weil sie es für sinnvoll halten, für legitim. Solange Legitimität vorhanden ist, sind Sanktionen selten nötig. Die Institution funktioniert.»

«Und wenn die Legitimität sinkt?»

«Dann müssen Regeln häufiger erzwungen werden. Das kostet Zeit, Energie, manchmal Geld. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft der Mitglieder, die Lasten der Institution zu tragen, weil sie sie nicht mehr als sinnvoll erleben. Ein Kreislauf, der sich selbst beschleunigt.»

«Bei Kaspar wurde das mit dem Abzug des teuren Geräts ausgelöst», sagte Nora.

«Ausgelöst oder beschleunigt, ja. Wenn jemand austritt und Ressourcen abzieht, sinkt die verfügbare Leistung für alle anderen. Die Verbleibenden zahlen anteilig mehr für weniger. Das macht den nächsten Austritt wahrscheinlicher. Das ist keine individuelle Schwäche — das ist die Dynamik.»

Nora: «Wie hätte man das verhindern können?»

«Am besten schon, bevor jemand sein Gerät abzieht.» Lea zögerte. «Aber Legitimität kann man nicht erzwingen — das wäre paradox. Man kann sie pflegen: durch transparente Regeln, Mitsprache, sichtbare Fairness.»

«Das soll der Bürgervertrag leisten», sagte Jonas. «Mitsprache, Verhältnismässigkeit, sichtbare Fairness — Art. 3 schreibt das fest.»

«Wir haben es aufgeschrieben. Ob wir es leben, muss sich noch zeigen.»

Drohungen und ihre Haltbarkeit

Nora hatte etwas auf ihrem Laptop aufgerufen. «Ich hab einen Aufsatz gefunden, der das noch genauer beschreibt. Über die Ökonomie von Drohungen.»

Sie fasste zusammen: Eine Drohung hat eine Durchführungswahrscheinlichkeit — wie wahrscheinlich ist es, dass das angedrohte Ungut tatsächlich eintritt? Das ist die Basis ihrer Glaubwürdigkeit. Irgendwann testet jemand, ob wirklich bestraft wird. Wenn sich das als Bluff herausstellt, fällt die Institution.

«Das Problem, wenn wir unsere Reinigungsregel nie durchsetzen», sagte Jonas. «Sie wird zur Empfehlung. Die Empfehlung wird zur Geste.»

«Ja. Und das Gegenteil ist auch gefährlich. Wenn Sanktionen immer ausgeführt werden, entstehen andere Kosten: Das Ausführen ist aufwendig. Und es verändert die Atmosphäre — eine Institution, die ständig sanktioniert, fühlt sich anders an. Weil sie den Raum für Vertrauen und guten Willen einschränkt.»

«Man braucht also genug Ausführungen für Glaubwürdigkeit — aber nicht so viele, dass es den Charakter verändert.»

«Das ist das Gleichgewicht. Nicht immer leicht zu halten. Grundsätzlich gilt das nicht nur für private Institutionen sondern auch für Staaten.»

Jonas sah auf den Bürgervertrags-Entwurf. «Dann muss Art. 10 gut sein. Eine niedrige Hürde — erste Sanktion: eine Erinnerung, kein Drama. Damit die Schwelle, die Sanktion anzuwenden, klein ist. Dann wird sie angewendet und damit glaubwürdig.»

«Das ergänzen wir noch», sagte Nora.

Warum die Durchsetzung legislativ gesetzter Regeln meist teurer ist

Den Zusammenhang zu dem, was Cécile Ruf über Leoni erklärt hatte, sah Lea am nächsten Morgen. Sie schrieb Jonas eine Nachricht: Legislative Regeln haben normalerweise eine dünnere Legitimitätsbasis als freiwillig vereinbarte. Das verteuert ihre Durchsetzung.

Jonas: «Warum?»

Sie verschob die Antwort auf das nächste Treffen in der Velostation. «Eine Regel, die die Betroffenen selbst mitentschieden haben, empfinden die meisten als legitim. Eine Regel, die von aussen gesetzt wird — auch durch demokratische Mehrheit — empfindet ein Teil als Fremdbestimmung. Das senkt die freiwillige Compliance.»

«Und niedrigere Compliance erhöht die Durchsetzungskosten.»

«Systematisch. Nicht weil die Regel inhaltlich falsch ist sondern aufgrund des Prozesses, durch den sie entstanden ist.»

Nora: «Haas hat drei Regeln durch den Stadtrat gebracht. Alle drei gelten für Menschen, die nie gefragt wurden. Jemand, der die Beleuchtungsregel für Unsinn hält, hält vielleicht bald jede Stadtratsregel für Unsinn.»

«Regulatory fatigue: Je mehr Regeln als illegitim empfunden werden, desto mehr sinkt die allgemeine Compliance. Desto mehr muss durchgesetzt werden. Und irgendwann wirkt der gesamte Regelrahmen willkürlich.»

Ein Gegenbeispiel: Die SNB

Lea hatte aber auch einen Einwand gegen ihre eigene Argumentation vorbereitet.

«Es gibt kratische Institutionen, die stabil sind. Die Schweizerische Nationalbank hat das Monopol auf die Ausgabe von Schweizer Banknoten. Das ist staatlich garantiert und damit kratisch. Und dennoch geniesst die SNB hohes Vertrauen. Warum?»

Nora: «Weil die Schweiz generell stabil ist?»

«Das ist ein wichtiger Teil. Die politische Stabilität der Schweiz zieht seit Jahrhunderten ausländisches Kapital an. Das erhöht die Nachfrage nach Franken und stärkt dessen Wert. Paradoxerweise versucht die SNB deshalb regelmässig, den Franken zu schwächen — etwa durch Käufe von Fremdwährungen oder ausländischen Aktien — weil ein zu starker Franken die Exportwirtschaft belastet.»

Jonas: «Die SNB kämpft also gegen ihre eigene Stärke.»

«In gewisser Weise ja. Aber es gibt noch einen anderen Grund für das Vertrauen, der unabhängig davon ist: Das Mandat der SNB ist eng: Preisstabilität als primäres Ziel. Nicht Vollbeschäftigung, nicht Wachstum, nicht politische Ziele. Und dieses Mandat hat sie über Jahrzehnte konsistent verfolgt. Das schafft Erwartbarkeit. Und Erwartbarkeit ist die Grundlage von institutionellem Vertrauen.»

«Das heisst», sagte Jonas, «die SNB ist stabil, weil sie ihr Mandat eng hält. Und weil der Rest der Schweiz ihr den Rücken freihält.»

«Ja, genau. Wenn die SNB anfinge, Geldpolitik für breitere politische Ziele zu betreiben — Konjunktursteuerung, Beschäftigung, Industrieförderung —, würde das Vertrauen schnell erodieren. Das Mandat ist die Selbstbindung. Und Selbstbindung ist das, was kratische Institutionen legitim hält.»

Jonas: «Dasselbe wie Art. 9 in unserem Bürgervertrag. Das Schiedsgericht funktioniert nur, wenn es vorhersehbar urteilt. Wenn es klare Kriterien befolgt und unparteiisch bleibt.»

«Genau. Kratische Institutionen können stabil und legitim sein — wenn ihr Mandat eng, transparent und konsistent ist.»

Olson — noch einmal, auf einer anderen Ebene

Bracher hatte sich in den letzten Wochen ruhig verhalten. Dann schickte er Jonas eine kurze Nachricht: Lest Olson nochmals, wenn ihr Zeit habt.

Jonas wusste sofort, was er meinte. Olson hatten sie im Zusammenhang mit Haas' Methode kennengelernt: kleine organisierte Gruppen setzen sich gegen diffuse Mehrheiten durch. Das hatte erklärt, warum Haas dreimal erfolgreich petitionieren konnte.

Olsons Buch, The Rise and Decline of Nations (1982), fragte, was passiert, wenn dieser Mechanismus jahrzehntelang in einer stabilen Gesellschaft wirkt — nicht mit einem Haas, sondern mit Hunderten seines Typs, gleichzeitig, in jeder Branche.

Lea erklärte es, als sie sich das nächste Mal trafen. «Die Antwort ist: Das Gesamtsystem wird gelähmt. Nicht durch Korruption, nicht durch Versagen einzelner — sondern durch die Akkumulation legitimer Interessengruppen, die alle denselben Mechanismus nutzen. Jede gewinnt ein wenig. Zusammen bremsen sie alles.»

«Olson nennt das distributive Koalitionen», sagte Nora. «Gruppen, die nicht darauf abzielen, den Kuchen zu vergrössern sondern einen grösseren Anteil zu bekommen. In der Summe verkleinern sie den Kuchen.»

«Und dann?»

«Dann folgt Sklerose. Das System wird ineffizient. Oder ein externer Schock — Krise, Krieg — zerschlägt alles und ermöglicht einen Neustart. Olson hat das historisch belegt. Es ist kein schönes Bild.»

«Aber es erklärt, warum der Sunset-Mechanismus wichtig ist», sagte Jonas. «Nicht nur für die drei Haas-Petitionen. Für das gesamte Arler Regelwerk. Jede Regel, die nicht regelmässig überprüft wird, kann zum Vehikel einer Interessengruppe werden.»

«Prophylaxe ist billiger als Therapie.»

«Dem würde Olson wahrscheinlich zustimmen.»

Nora schloss ihren Laptop. «Ich hab jetzt genug für den Artikel. Aber noch nicht genug für eine gute Geschichte.»

«Was fehlt?»

«Ein Ende, das nicht traurig ist.»

Jonas sah sie an. «Das kommt noch.»

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Im nächsten Kapitel Nora hat den Artikel fertig. Bevor sie ihn veröffentlicht, bringt Bracher Werner Haas an den Verhandlungstisch. Und Lea stellt eine Frage, von der sie nicht weiss, ob sie ethisch ist.