Wie wir zusammenleben III-6 17 Min.
Gibt es eigentlich mehr als eine soziale Ordnung?
Valentin Schneider kam mit dem Zug aus Biel. Er hatte einen Rucksack und sein Velo dabei. Cécile Ruf hatte ihn eingeladen. Die beiden kannten sich seit Jahren.
Das Treffen fand in der Velostation statt, auf Vorschlag von Lea und Jonas. «Wenn er kommen will», hatte Jonas gesagt, «soll er zuerst sehen, was wir machen.» Schneider war damit einverstanden. Er fuhr vom Bahnhof mit seinem Velo zu ihnen, was sieben Minuten dauerte.
Er war kleiner als erwartet, Mitte vierzig, mit einem ruhigen Gesicht und einer Art zu fragen, die nicht sehr höflich klang. Er stand in der Werkstatt und schaute sich um. Dann fragte er Jonas: «Was ist die grösste Ressource, die ihr teilen wollt?»
«Werkzeugpool. Spezialwerkzeug, das für eine Werkstatt zu teuer ist, das sich aber für mehrere lohnt.»
«Und was könnte der erste Konflikt werden?»
Jonas: «Jemand bringt das Drehmomentschlüssel-Set zurück, ohne es gereinigt zu haben.»
«Wie würdet ihr das lösen?»
«Wir könnten eine Reinigungsregel einführen. Mit Kontrolle.»
Schneider nickte. «Gut. Das ist die erste Lektion: Die Lösung kleiner Konflikte ist wichtiger als grosse Prinzipien. Wer die kleinen Probleme löst, verhindert oft die grossen.»
Er setzte seinen Rucksack ab und holte einen Ordner heraus. «Das ist, was wir in Cernedoux haben. Cécile schreibt mir, ihr habt schon einen Namen für so etwas.»
Lea lachte kurz auf. «Bürgervertrag?»
«Bürgervertrag.» Schneider lächelte. «Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir auf diesen Begriff gekommen sind. Wir hatten 'Pakt', 'Charta', 'Statut'. Am Ende war es das hier. Wenn ihr unabhängig auf denselben Begriff kommt, ist das ein gutes Zeichen.»
«Cécile meinte das auch.»
Er öffnete den Ordner. Vier Seiten, dichter Druck.
Der Bürgervertrag von Cernedoux
Cernedoux ist ein Dorf im Jura, 340 Einwohner, mit einer Genossenschaft, die vor sieben Jahren mit zwölf Mitgliedern begonnen hat und heute fast zweihundert zählt.
«Nehmt euch Zeit.»
Lea las Art. 3 zuerst. Schneider sah es, sagte aber nichts.
Artikel 3 — Zwangsminimierungsprinzip. Freiwillige Lösungen, privatautonome Vereinbarungen und gemeinschaftsbasierte Selbstorganisation haben Vorrang vor verpflichtenden Regelungen. Jede neue Verpflichtung bedarf einer nachvollziehbaren Begründung, muss verhältnismässig sein und darf nur eingeführt werden, wenn mildere Mittel nicht ausreichen.
«Das ist Katallaktik in Rechtsform. Das Zwangsminimierungsprinzip als juristische Klausel. Jede neue Regel ist zu begründen.»
Jonas las Art. 9.
Artikel 9 — Streitbeilegung. Konflikte zwischen Mitgliedern werden in erster Instanz durch ein internes Mediationsverfahren gelöst. Bei Scheitern der Mediation entscheidet ein Schiedsgericht, dessen Mitglieder nach dem in Anhang B festgelegten Verfahren bestimmt werden. Der Rechtsweg steht erst nach Abschluss des Schiedsverfahrens offen.
«Wer stellt die Schiedsrichter?», fragte Jonas.
«Dafür wechseln sich Mitglieder rotierend ab, die mindestens drei Jahre dabei sind. Wir haben immer zwei interne Schiedsrichter, dazu einen externen Jurist für den Vorsitz. Den wir jährlich bestimmen, wie eine Revisionsstelle.»
«Wer zahlt sie?»
«Die Parteien teilen die Kosten. Die unterlegene Partei trägt drei Viertel.»
«Und wenn eine Partei das Urteil trotzdem ignoriert?»
Schneider lehnte sich zurück. «Das ist die Frage, die uns lange beschäftigt hat.» Er trank einen Schluck Wasser. «Die einfache Antwort: Unsere letzte Durchsetzungsmassnahme ist der Ausschluss aus der Genossenschaft. Das bedeutet: kein Ressourcenzugang mehr, keine soziale Einbettung, spürbare Reputationskosten im Dorf. Für die meisten ist das genug.»
«Und wenn nicht?»
«Dann bleibt der staatliche Rechtsweg. Den haben wir bewusst nicht ausgeschlossen aber ans Ende geschoben. Die grosse Mehrheit der Konflikte löst sich in der Mediation. Zum Schiedsgericht gehen vielleicht zehn Prozent. Und zum staatlichen Gericht sind wir bisher nie gegangen.»
«Bisher», sagte Jonas.
«Bisher», bestätigte Schneider. «Das ist keine Garantie sondern ein Erfahrungswert.»
Die drei Instrumente
Cécile Ruf hatte sich zurückgehalten. Jetzt fragte sie: «Valentin, was unterscheidet Cernedoux von einer normalen Genossenschaft?»
Schneider überlegte kurz. «Am einfachsten ist das mit einem Satz: Eine politische Gemeinde ist eine Genossenschaft mit Zwangsmitgliedschaft für alle, die auf dem Gemeindegebiet wohnen. Unsere Genossenschaft ist so ähnlich wie eine politische Gemeinde aber mit freiwilliger Mitgliedschaft.»
Stille.
«Das heisst», sagte Lea, «der einzige strukturelle Unterschied zwischen der Gemeinde Arlen und eurer Genossenschaft ist, ob sich die Mitgliedschaft nach dem Wohnsitz richtet oder nicht.»
«Ja. Aber was wie ein kleiner Unterschied klingt, ist wichtig. Freiwillige Mitgliedschaft verändert die Anreize: die Führung, die Loyalität, die Qualität der Leistungen. Niemand bleibt in einer freiwilligen Gemeinschaft, wenn sie ihm nichts nützt. Das diszipliniert enorm.»
Jonas dachte kurz nach. «Also: ein Verein, aus dem man austreten kann — gegen ein Ding, in dem man feststeckt, während andere ständig die Regeln ändern.»
«So ist es», sagte Schneider. «Dieser eine Unterschied verändert alles.»
«Ein Markt für Mitglieder.»
«Genau. Das versuchen wir mit drei Instrumenten umzusetzen.»
«Erstes Instrument: Freiwillige Mitgliedschaft statt Zwangsmitgliedschaft. Wer beitreten will, unterschreibt. Wer gehen will, kann gehen. Keine territoriale Bindung.»
«Zweites Instrument: Wettbewerb bei Leistungen statt Monopol. Wir versuchen, kommunale Dienstleistungen nicht allein anzubieten, sondern für Konkurrenz zu öffnen. Das nennt sich FOCJ — Functional Overlapping Competing Jurisdictions, von den Ökonomen Frey und Eichenberger entwickelt. Die Idee: Nicht die Gemeinde als Ganzes ist für die Schule zuständig, sondern ein Schulverbund, dem Familien optional beitreten. Verschiedene Anbieter konkurrieren um Mitglieder.»
«Drittes Instrument: Teure Infrastruktur auslagern statt über Steuern finanzieren. Wir haben in Cernedoux den Wasseranschluss an ein regionales Unternehmen vergeben, das Mitgliedern Vorzugspreise bietet. Das Unternehmen trägt das Investitionsrisiko — nicht die Gemeinschaft.»
«Ihr müsst nicht alle drei umsetzen. Jedes Instrument macht eure soziale Ordnung ein Stück katallaktischer. Es ist ein Kontinuum.»
Nora legte ihren Stift ab. «Und schafft das nicht Privilegien? Dass nur bestimmte Leute in eine solche Gemeinschaft eintreten können — die, die eingeladen werden, die es sich leisten können?»
Schneider schüttelte leicht den Kopf. «Nun, in Cernedoux haben wir Gebäude und Parzellen gekauft, die zuvor nicht genutzt wurden. Wer eintreten will, bewirbt sich — genau wie in einer Genossenschaft, einem Verein, einem Unternehmen. Der Nationalstaat hat viel willkürlichere Zugangsregeln: Staatsbürgerschaft, Einwanderungsrecht und so weiter. Wir akzeptieren dagegen jeden, der die vereinbarten Bedingungen erfüllt. Das ist das Gegenteil von Exklusivität — es ist Inklusivität auf Basis klarer Regeln.» Schneider trank seinen Kaffee. «Die eigentliche Frage lautet: Auf welcher Grundlage entsteht Gemeinschaft — durch Geburt und Zufall oder durch Wahl und Vereinbarung?»
Der Gesellschaftsvertrag — und was er nicht ist
Nora hatte bis jetzt zugehört. «Was unterscheidet euren Bürgervertrag von dem, was Philosophen den 'Gesellschaftsvertrag' nennen?»
Schneider: «Alles Wesentliche. Rousseaus Gesellschaftsvertrag ist kein echter Vertrag. Die Bürger haben ihn nicht unterzeichnet. Die Legislative kann ihn einseitig ändern. Austreten ist nur durch Emigration möglich. Er ist eine Fiktion, die erklären soll, warum eine staatliche Ordnung akzeptiert wird. Bei uns hat jedes Mitglied unterzeichnet. Mit Name, Datum, Unterschrift. Er ist einklagbar. Und er hat eine Austrittsklausel: Wer die Genossenschaft verlässt, tritt automatisch aus dem Vertrag aus.»
Jonas: «Also ist er das, was der Gesellschaftsvertrag sein wollte. Aber nie war.»
«Präzise.»
Cécile Ruf trat einen Schritt vor. «Und damit berühren wir etwas, das wir letztes Mal angesprochen haben: Der Bürgervertrag sollte nicht einfach ein von einer Mehrheit gesetztes Reglement sein sondern auf dem Einverständnis aller beruhen.»
Nora hob den Blick. «Aber bei uns in Arlen entscheidet auch die Mehrheit. Ist das schlecht?»
«Nein», sagte Cécile Ruf. «Die Mehrheit entscheiden zu lassen ist ein guter Weg, Streit zu schlichten — innerhalb eines Vereins, dem du beigetreten bist und den du verlassen kannst. Das Problem ist nicht die Mehrheit. Das Problem ist eine Mehrheit, der du nie zugestimmt hast und der du nicht entkommen kannst.»
Die offene Frage: Freiwillige Sicherheit und ihre Grenze
Gegen Ende des Termins — Schneider hatte einen Zug um 18:12 — stellte Jonas die Frage, die er die ganze Zeit aufgeschoben hatte.
«Wann wird eine Organisation, die zum Ziel hat, ihre Mitglieder zu schützen, zur Mafia?»
Schneider sah ihn an. «Gute Frage.» Er dachte kurz nach. «Die kurze Antwort: Wenn die Mitgliedschaft faktisch nicht mehr freiwillig ist — weil alle relevanten Ressourcen nur über die Gemeinschaft zugänglich sind und der Austritt deshalb prohibitiv teuer wird.»
«Also wenn ihr Monopol auf etwas habt, das man unbedingt braucht.»
«Genau. Deshalb ist das zweite Instrument so wichtig: Wettbewerb. Wir dürfen kein Monopol werden.»
«Austritt als Disziplinierung», sagte Lea.
«Ja. Der Ökonom Hirschman hat das systematisiert: Exit, Voice, Loyalty. Wer gehen kann, muss nicht aufbegehren. Und wer nicht aufbegehren muss, bleibt meist dabei.»
Er stand auf und nahm seinen Rucksack. «Die Grenze ist fliessend. Man kann sie nicht ein für alle Mal ziehen — man muss sie pflegen. Bleibt im Wettbewerb. Macht den Austritt billig. Und passt auf, dass ihr kein Monopol werdet — auch kein sympathisches.»
Dann fuhr er mit dem Velo zum Bahnhof.
Was es schon gab — und was es heute wieder gibt
Cécile Ruf wartete, bis er ausser Sichtweite war.
«Cernedoux», sagte sie dann, «ist kein neues Experiment. Die Frage, wie man ohne Zwangsmitgliedschaft zusammenlebt, ist so alt wie die Geschichte. Und sie ist mehrfach beantwortet worden.»
Lea: «Wie das?»
«Einige Beispiele.» Cécile Ruf setzte sich. «Die Hanse. Vom zwölften bis ins siebzehnte Jahrhundert: ein freiwilliger Zusammenschluss von Handelsstädten, von Lübeck bis Riga. Kein Staat, keine eigene Armee. Eigenes Handelsrecht, eigene Schiedsgerichte, eigene Qualitätsstandards. Der Mechanismus, um die Regeln durchzusetzen: Ausschluss aus dem Handelsnetz. Das war schlimmer als jede andere Strafe — und es reichte.»
«Island im Mittelalter», fuhr sie fort. «Das Althing, 930 gegründet, ist eine der ältesten Parlamentsversammlungen der Welt. Aber das eigentlich Interessante ist etwas anderes: Island hatte Jahrhunderte lang keine staatliche Durchsetzungsmacht für Urteile. Konflikte wurden privat gelöst — durch Schiedssprüche, Kompensationszahlungen, soziale Ächtung. Ein funktionierendes Rechtssystem ohne staatliches Gewaltmonopol.»
«Venedig», sagte Jonas, der still zugehört hatte. «Die Handelsrepublik.»
«Ja. Über tausend Jahre. Ausserordentlich stabil, weil das Regierungssystem auf Interessenausgleich unter Kaufleuten gebaut war — nicht auf Erbmacht.»
«Und die Schweiz?»
«Die alte Eidgenossenschaft erhob keine eigenen Bundessteuern. Jeder Kanton regierte sich selbst. Wer mit den Verhältnissen unzufrieden war, konnte in den nächsten ziehen — die Entfernungen waren klein, die Wechselkosten gering. Das disziplinierte die Kantonsregierungen. Ähnlich die deutsche Kleinstaaterei im Heiligen Römischen Reich: Zahllose Ministaaten, die um Einwohner, Handwerk, Kaufleute konkurrierten. Wer zu viel verlangte, verlor sie an den Nachbarn.»
Nora: «Und heute?»
«Heute gibt es die 'Permanent Travellers'. Menschen, die ihren Wohnsitz, ihre Steuerpflicht und ihre rechtliche Zugehörigkeit über mehrere Jurisdiktionen verteilen — und jeweils die beste Kombination wählen. Das ist Jurisdiktionswettbewerb in seiner modernen Form. Er funktioniert für diejenigen, die mobil genug sind, ihn zu nutzen.»
Lea: «Das heisst, was Schneider beschreibt, ist nicht die Zukunft. Es ist die Vergangenheit, die wiederkehrt.»
Cécile Ruf: «Das vielleicht kleinste historische Beispiel von allen ist Gersau — eine Gemeinde am Vierwaldstättersee, von 1390 bis 1798 eine freie Republik. Dreihundert Einwohner. Kein Lehnsherr, keine übergeordnete Herrschaft. Sie verwalteten sich selbst, erkauften ihre Unabhängigkeit schrittweise und hielten sie vier Jahrhunderte lang — bis Napoleon kam. All diese Beispiele sind keine Modelle zum Kopieren sondern Indizien dafür, dass es funktioniert.»
Jonas: «Und jetzt Cernedoux.»
Bottom-up und top-down
«Was Valentin in Cernedoux macht», sagte Cécile Ruf, «läuft von unten nach oben: innerhalb bestehender rechtlicher Strukturen, ohne staatliche Sondervereinbarung. Es gibt eine mindestens genauso interessante Alternative. Titus Gebel beschreibt sie in seinem Buch: Freie Privatstädte, die auf der Grundlage eines Vertrags mit einem Staat von Grund auf neu gebaut werden — das Territorium zur Verfügung gestellt, die interne Rechtsordnung staatlich anerkannt.»
«Top-down», sagte Jonas.
«Ja, gewissermassen. Cernedoux wächst langsam. Eine Freie Privatstadt kann, wenn der Staatsvertrag steht, viel schneller wachsen.»
«Welches Modell ist besser?»
«Das hängt davon ab, wo man steht und was man will.» Cécile Ruf sah die drei der Reihe nach an. «Was ihr mit der Kooperative und dem Bürgervertrag aufbaut, geht in Richtung des Cernedoux-Ansatzes. Kein Staatsvertrag nötig, keine grüne Wiese. Ihr baut innerhalb des bestehenden Systems.»
«Das klingt nach weniger», sagte Jonas.
«Es ist weniger spektakulär. Aber es ist vielleicht langlebiger.»
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Im nächsten Kapitel Lukas berichtet von einer Werkzeuggenossenschaft, die auseinandergefallen ist. Daraus ergibt sich die Frage: Wann bricht eine Ordnung eigentlich zusammen?